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Okt
18

It´s Lunchtime

Die ersten Arbeitstage im Goethe-Zentrum verliefen ruhig und entspannt. Claire, Samantha, Mr. Collins, Timothy, Eva und Roberta, die Leiterin, hatten mich sehr herzlich in ihr kleines Team aufgenommen, ich fühlte mich willkommen. Vor allem mit Samantha und Claire kam ich gut zurecht. Bereits in der ersten Woche bot mir Samantha, 23, aufgeweckte, fröhliche Augen, an, mich einmal zu sich nach Hause mitzunehmen. Sie wollte mich ihrer Familie vorstellen, zeigen, wie die Menschen hier in den rural areas (Wohngebiete der Einheimischen) wirklich leben. Wenn ich Lust hätte, könnte ich auch sonntags mit ihr und ihren Freunden in die Kirche gehen, sagte sie.

Dass die Kirche für die Menschen hier in Zimbabwe einen hohen Stellenwert einnimmt, war mir bereits aufgefallen. Am Straßenrand, in der Innenstadt, auf Feldern, egal, wo man hinguckte, überall hockten oder standen Menschen im Kreis, hielten Gesangsbücher in den Händen, lauschten den Worten eines Predigers. Die Vorstellung mit Samantha in die Kirche zu gehen, weckte meine Neugierde. Bestimmt wäre das eine tolle Erfahrung, ging es mir durch den Kopf. Andererseits hatte Samantha mich vorgewarnt: Ich müsse mich darauf gefasst machen, die einzige Weiße unter hunderten von Schwarzen zu sein, sagte sie.

Claire, die Sekretärin von Roberta, hatte ganz andere Pläne mit mir. Bereits in der ersten Woche hatte sie sich in den Kopf gesetzt, mich pünktlich zur „lunch time“ (Mittagspause) um 13 Uhr vom Computer wegzuholen und mich an den Esstisch zu bekommen. Sie war der Meinung, dass ich viel zu viel arbeiten und zu wenig essen würde, versuchte mir täglich Essen aufzudrängen. Dabei brachte ich jeden Tag mein eigenes Lunchpaket zur Arbeit mit. Das ist zu wenig, sagte Claire bestimmt, ich müsse ordentlich zu Mittag essen. „Du musst mehr essen, du musst zunehmen“, sagte sie, schob mir ihren Teller hin. Ich naschte ein wenig von der Sadza, probierte das Gemüse, ein grüner, öliger Haufen undefinierbarer Art.

Die Mittagspause ist den Angestellten im Goethe-Zentrum heilig. Pünktlich um 13 Uhr lassen alle ihre Arbeit stehen und liegen, um sich in der Küche ihr Mittagessen zu kochen, das an vier von fünf Tagen aus Sadza und vor Fett triefendem Hühnchen besteht. Meistens ist es Samantha, die sich an den Herd stellt und für alle kocht, Claire behauptet von sich selbst, keine gute Köchin zu sein. Dafür sei sie eine gute Esserin, das sei wohl kaum zu übersehen, sagte sie.

Wenn das Essen fertig ist, versammeln sich alle um den großen, schweren Holztisch, der in der Mitte der Bücherei steht. Timothy, ein ruhiger, eher zurückhaltender Schwarzer, schaltet den Fernseher in der Ecke ein, er darf seine Lieblingssendung auf Kanal 2 nicht verpassen, darauf besteht er. Dann widmen sich alle laut schmatzend ihrer Sadza, mit den bloßen Händen entfernen sie das Hühnchenfleisch von den Knochen, stopfen es sich zusammen mit der Sadza und dem Gemüse in den Mund, genüsslich lutschten sie sich die Finger sauber.

Als ich Samantha und den anderen zum ersten Mal beim Essen Gesellschaft leistete, musste ich mich an den Anblick und die Geräusche erst noch gewöhnen. Samantha saß neben mir, nagte an ihrem Hühnchenknochen, an dem schon fast kein Fleisch mehr vorhanden war, zumindest keins, was ich freiwillig noch gegessen hätte. Doch sie knabberte so lange daran herum, bis nichts mehr von dem Hühnchen übrig war als der blanke Knochen. Beim Kauen knackte es laut in ihrem Mund, offenbar kaute sie gerade auf dem Knorpel herum, bei der Vorstellung schüttelte es mich. Ich fragte mich, wie Claire und die anderen wohl reagieren würden, wenn ich tatsächlich einmal gemeinsam mit ihnen zu Mittag essen sollte, den ganzen Glibber- und Knorpelkram aber liegen lassen würde. Sie würden das sicher für pure Verschwendung halten. Doch die Vorstellung, auf Knochen rumzukauen, fand ich ebenso befremdlich.

Nach und nach fand ich Gefallen an der „Lunchtime“, zwar brachte ich immer noch mein eigenes Essen mit (die fettige Kost war mir bei den Temperaturen einfach zu viel), aber es war nett, mit den anderen zusammen zu sitzen und ein wenig zu plaudern. Claire gab nicht auf, sie war noch nicht zufrieden mit der Situation, sie wollte unbedingt, dass ich etwas esse. Also ordnete sie an, dass wir ab sofort jeden Morgen gemeinsam überlegen sollten, was wir an dem jeweiligen Tag essen wollen. Anschließend sollte Mr. Collins zum Supermarkt fahren, die Zutaten kaufen, die Kosten würden wir dann teilen. Zufrieden lächelte sie mich an, für sie war der Plan beschlossene Sache, Widerspruch zwecklos.