«

Nov
15

Das afrikanische Amerika

Völlig übermüdet, verschwitzt, mit einem steifen Nacken und schweren Beinen kam ich schließlich am Nachmittag in Johannesburg an. Wir waren noch einige Kilometer von der Stadtmitte entfernt, neugierig schaute ich aus dem Fenster und wurde von der unglaublichen Modernität der Stadt schlichtweg überrumpelt. Egal, wo man hinsah, überall erstreckten sich Wolkenkratzer, Brücken, riesige Firmenkomplexe und Leuchtreklame aller Art. Ich hatte damit gerechnet, dass Johannesburg anders sein würde als Harare, fortschrittlicher, moderner, immerhin war anlässlich der Weltmeisterschaft einiges im Land getan worden, doch mit einem afrikanischen Amerika hatte ich nicht gerechnet!

Das Stadtbild unterschied sich deutlich von den Eindrücken, die ich in Harare gesammelt hatte. Ein Wolkenkratzer reihte sich an den anderen, dazwischen hatten sich diverse Autohäuser und andere westliche Firmen niedergelassen. Von Mercedes, über Volkswagen, Siemens, Nokia bis hin zur Telekom, jedes international tätige Unternehmen schien in Johannesburg einen Firmensitz zu haben. Die Autohäuser waren voll mit den neuesten Modellen, das Blech glänzte in der Sonne, Autodächer flimmerten in der Hitze.

Auf dem Highway zeigte sich das gleiche Bild, nur vereinzelt fuhr ein klappriges Fahrzeug vorbei, wie man es auf afrikanischen Straßen vielleicht erwarten würde. Überwiegend waren es jedoch moderne, teure Wagen, die unseren Bus überholten, die Mehrheit der Autofahrer war weiß, was mich ebenfalls überraschte. Diejenigen schwarzen Autofahrer, die ich sah, waren ebenfalls in einem teuer aussehenden Wagen unterwegs, sahen sehr geschäftig aus, mit Anzug und Krawatte, ein Anblick, den man in Harare, wo die Mehrheit der Bevölkerung zusammengepfercht in den Commuter-Bussen, auf der Ladefläche von Lastwagen und Lieferwagen oder in mehr oder weniger fahrtauglichen Wagen unterwegs sind, nicht so häufig zu Gesicht bekommt.

Als ich schließlich nach 17 Stunden auf dem Busbahnhof stand, wurde mir schnell klar, dass Johannesburg in Sachen Modernität Harare zwar um Längen voraus ist, dafür hat jedoch die Mentalität der Bevölkerung gelitten. Ich hielt mich etwa eine Stunde lang am Busbahnhof auf, aß einen Burger mit Pommes bei „Wimpy“ (einer Art McDonalds), trank eine Cola. Während ich den Burger in mich hineinstopfte, hatte ich Gelegenheit, die Menschen um mich herum ein wenig zu beobachten. Im Vergleich zu Harare waren die Leute ziemlich gestresst, sie hetzten von einem Ende des Busbahnhofs zum anderen, lachten wenig und machten insgesamt auf den ersten Blick einen eher mürrischen, überheblichen Eindruck. Mir war klar, dass ich dies aus der Ferne eigentlich nicht beurteilen konnte, doch von der Wärme und Herzlichkeit, die einen in Harare umgibt, war hier einfach nichts zu spüren. Alles war zwar sehr modern und komfortabel, aber dafür auch kalt und unpersönlich.

Die Modernität, mit der man in Johannesburg bereits auf der Autobahn empfangen wurde, spiegelte sich dann auch in der gesamten Stadt wieder. Die Infrastruktur ist den Straßenverhältnissen in Harare um einiges voraus, Schlaglöcher oder ausgefallene Ampeln findet man hier nur selten. Dafür hat Johannesburg vieles, was mich an das Amerika erinnert, wie ich es aus dem Fernsehen und aus Kinofilmen kenne. Andrew (Thomas` Bekannter) hatte mich am Busbahnhof abgeholt und war mit mir durch die Straßen gefahren, in der die Jacaranda-Bäume noch in voller Pracht blühten (in Harare ist seit Einsetzen der Regenfälle nicht mehr viel von den fliederfarbenen Blüten übrig geblieben). Die meisten Straßen in Johannesburg wurden durch die Pracht der Jacaranda-Bäume bestimmt, die ganze Stadt war ein einziges lilafarbenes Blütenmeer.

Am Abend fuhr Andrew mit mir zum Nelson Mandela Square, einem Platz im Stadtzentrum. Er lud mich zum Essen in „The Butcher Shop“ ein, einem Luxusrestaurant mit Blick auf die Nelson Mandela Statue. Das Restaurant war ziemlich beeindruckend, das Ambiente gemütlich, die Kellner dermaßen professionell geschult, wie ich es bislang nur selten erlebt habe. Unser Kellner achtete auf jede Kleinigkeit, servierte den Wein grundsätzlich immer nur von links, verhielt sich äußerst zuvorkommend, kurz: Man fühlte sich wie ein König. Auch hier fiel mir die hohe Anzahl weißer Gäste auf, schwarze Männer und Frauen sah man nur wenige, und wenn, dann saßen sie meist mit einer Gruppe Weißer am Tisch und schienen sich über Geschäftliches zu unterhalten.

Das Fleisch konnte man sich selbst an der Theke aussuchen. Unser Kellner führte uns einen langen Flur entlang, blieb vor einer Fleischtheke stehen, wie man sie in jedem Supermarkt entdecken könnte. Nur mit dem Unterschied, dass hier alles nur vom Feinsten war. Es gab Fleisch von Rind, Schwein, Lamm und Huhn, vom allen nur das Beste, rosige Filetstücke lagen neben Stücken aus der Lende und T-Bone-Steaks. Ein paar Meter weiter lagen ganze Lammkeulen, mit Huf. Als ich das sah, wurde mir ein wenig mulmig im Magen, ich entschied mich für einen Salat.

Am nächsten Abend saß ich wieder im Bus, Richtung Harare. 17 Stunden Fahrt lagen vor mir, mir graute schon davor. Doch ich freute mich sehr darauf, wieder in Harare anzukommen. Denn obwohl Johannesburg auf seine Art eine schöne Stadt ist, in der es sich mit Sicherheit gut leben lässt, war ich doch froh, der Stadt den Rücken zu kehren. Mir fehlte die Herzlichkeit der Menschen, wie ich sie aus Harare gewöhnt war. Und dafür konnte ich auf ein bisschen mehr Modernität gerne verzichten, denn mit dem eigentlichen Afrika hatte Johannesburg für mich sowieso nicht mehr viel zu tun.Eine Einkaufsmeile in Johannesburg