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Nov
01

Von Lehmhütten und Cattleshit

Um das Leben in Afrika richtig kennen zu lernen, muss man die Zivilisation verlassen und sich weiter ins Land hinaus wagen, hinaus in die wilde Landschaft, hinaus in die Rural Areas, wo die Einheimischen auch noch heute in ihren spartanisch ausgestatteten Lehmhütten wohnen, ohne Strom, ohne fließend Wasser.

Die Menschen in den Rural Areas leben unter Bedingungen, die für uns Menschen im Westen kaum noch vorstellbar sind. Um Wasser zu bekommen, müssen sie teilweise kilometerweit laufen. An Flussläufen und Wasserlöchern waschen sie ihre Wäsche, die sie zum Trocknen auf den Felsen auslegen. Die gefüllten Wassereimer schleppen die Frauen auf ihren Köpfen wieder zurück zu ihren Hütten, links und rechts die Körbe mit der Wäsche oder ein Kind an der Hand.

Nelson hatte erzählt, dass er wegen eines Schiedsrichterlehrgangs mehrere Tage in Mutawatawa, einem kleinen Dorf 160 Kilometer außerhalb von Harare verbringen würde. Eine perfekte Gelegenheit, um ihn zu besuchen und das Leben außerhalb der Stadt zu erleben. Also setzte ich mich an einem Sonntagmorgen ins Auto und ließ die Stadt mit ihrem bunten Treiben, modernen Geschäften und vollen Regalen hinter mir.

Ich hatte die Stadtgrenze kaum passiert, als sich die Landschaft um mich herum schon komplett veränderte. Weit und breit waren kaum noch Häuser zu sehen, überall nur gelbes verdorrtes Land, einige Büsche und Bäume. Zu beiden Seiten der Straße ragten riesige Felsen in die Höhe, ein paar Einheimische hatten sich hier niedergelassen, sie hatten ihre Lehmhütten mitten zwischen den Felsen aufgebaut, einige standen sogar mitten auf einem Felsvorsprung.

Rinder und Ziegen liefen zwischen den Lehmhütten umher, grasten auf den weiten Flächen, suchten nach ein paar Sträuchern, die noch nicht vertrocknet waren. Auf der Suche nach schmackhaftem Grün hatten sich viele der abgemagerten Rinder bis an den Straßenrand gewagt. Vom Verkehr völlig unbeeindruckt, knabberten sie an den Büschen, suchten nach Gras. Zäune, um die Tiere von der Straße fernzuhalten, gab es nicht. Und so passierte es einige Male, dass ein paar Rinder über die Straße liefen, die herannahenden Autos störten sie wenig, gemächlich trotteten sie über den Asphalt, ich hupte, sie reagierten nicht, drehten noch nicht einmal den Kopf in meine Richtung.

Nach ein paar Kilometer musste ich erneut auf die Bremse treten. Dieses Mal waren es jedoch keine Rinder oder Ziegen, die mich aufhielten. Am Straßenrand spielte eine Gruppe von Gudo-Affen, die es überall hier in Zimbabwe gibt. Das Männchen mit seiner imposanten Mähne saß aufrecht im hohen Gras, beobachtete alles um sich herum, passte auf den herumtollenden Nachwuchs auf. Langsam fuhr ich auf die Affen zu. Es faszinierte mich, die Tiere hier zu sehen, ich kannte sie bislang nur aus dem Zoo und aus dem Fernsehen. Genau wie die Rinder hatten auch die Affen keine Angst vor meinem Auto. Unbekümmert sprangen sie im hohen Gras umher, streckten ihr Hinterteil in die Höhe, der lange Schwanz ragte in die Luft.

Ich fuhr weiter, verließ den Highway, bog in eine Seitenstraße ab. Die Straße schlängelte sich wie ein Fluss durch die Landschaft, sie schien kein Ende nehmen zu wollen. Ich war fast alleine in dieser Gegend unterwegs, überholte nur wenige Autos, die meisten davon waren voll beladen mit Säcken voller Maismehl oder anderen Nahrungsmitteln. Auch ein paar Commuter-Busse waren unterwegs, für viele Menschen die einzige Möglichkeit, um von ihrer kleinen Hütte ins nächst größere Dorfes zu kommen. Aus einer Entfernung von mehreren Kilometern kommen die Menschen hier zusammen, um an der Hauptstraße Tomaten oder andere Lebensmittel zu verkaufen. Vereinzelt gibt es auch eine Tankstelle oder einen kleinen Supermarkt, für viele Menschen ist dies die einzige Möglichkeit, sich mit den Bewohnern anderer Dörfer auszutauschen.

Die meisten Dörfer sind sehr weit voneinander entfernt und bestehen nur aus ein paar einzelnen Lehmhütten mit einem Strohdach, eine gemeinschaftliche Anordnung war aus der Ferne kaum zu erkennen. Die Hütten waren einfach an der Stelle errichtet worden, wo es den Menschen am besten gefiel. Teilweise standen vier oder fünf Häuser nebeneinander, dann sah ich eine lange Zeit gar nichts, nichts außer Gras, Bäumen, roter Erde und Rindern.

Die Tiere sind für die Einheimischen das, was für uns das Eigenheim ist: Altersvorsorge. Häufig sind die Tiere ihre einzige Einnahmequelle, sie verkaufen die Hühner und deren Eier auf dem nächstgelegenen Markt, die Rinder geben sie an Schlachtereien. Die Einheimischen leben in absolutem Einklang mit der Natur und in unmittelbarer Nähe mit den Tieren, die sie frei herumlaufen lassen. Geld für Ställe oder Zäune haben sie nicht. Und so laufen die Rinder und Ziegen über weite Strecken in der Gegend herum, flattern die Hühner und Puten zwischen den Lehmhütten umher. Die Hühnchen in unseren deutschen Masthäusern würden vor lauter Neid wahrscheinlich von der Stange fallen.

Nach 160 Kilometern und etwa zweieinhalb Stunden Autofahrt erreichte ich endlich das Dorf, in dem Nelson für die Fußball-Ausbildung zuständig war. Die Sonne brannte vom Himmel, es war gerade 13 Uhr, Zeit fürs Mittagessen. Also fuhr ich an der Schule vorbei, Nelson war mit Sicherheit schon zu der „Kantine“ gefahren, in dem er jeden Tag ein kostenloses Essen bekam. Als ich bei dem Haus ankam, an dem das Essen ausgegeben wurde, war Nelson leider noch nicht da. Ich fuhr zurück, parkte auf dem Schulhof, wo Nelson mir bereits mit ein paar anderen Männern entgegen kam. Gemeinsam fuhren wir zu dem provisorisch errichteten Imbiss zurück, setzten uns an einen Tisch, der für uns draußen im Schatten eines Baumes aufgestellt worden war.

Ein freundlicher, junger Mann brachte einen Schüssel mit Wasser, in der wir uns die Hände waschen konnten, dann kam das Essen: Hühnchenschenkel, wahlweise mit Tomatenreis oder Sadza, so langsam kam mir diese Kombination vor wie das Nationalgericht. Das Hühnchen war knochentrocken, der Reis sehr salzig, aber das störte niemanden, alle hatten großen Hunger. Vor allem waren die Männer glücklich, dass sie überhaupt eine warme Mahlzeit am Tag bekamen.

Während wir am Tisch saßen und an den Hühnchenknochen nagten, schaute ich mich um. Die Landschaft war wirklich schön, unendliche Weiten, riesige Hügel, gelbes Gras, Wildlife pur. Das Dorf selber war ein wenig größer und fortschrittlicher als die vereinzelten Lehmhütten, die ich auf der Fahrt hierher gesehen hatte. Neben der Schule gab es mehrere Steinhäuser und sogar ein Hotel, in dem auch Nelson untergebracht war.

Wobei die Bezeichnung „Hotel“ in der Tat etwas irreführend ist, denn im Grunde genommen war dieses „Hotel“ ein relativ einfaches weiß getünchtes Haus mit ein paar Zimmern, die man noch nicht einmal abschließen konnte. In Nelsons Zimmer war gerade so viel Platz, dass ein Bett hineinpasste, ausgeblichene, dreckige Vorhänge hingen vor den Scheiben, die Fenster selber konnten nicht geschlossen werden, sie waren kaputt. Zum Zimmer gehörte auch eine Toilette, klein, ohne Strom, ohne Klopapier und vor allem: ohne Wasser. In der Ecke stand ein Eimer, randvoll mit Wasser, die einzige Möglichkeit, um die Spuren seines Geschäfts zu verwischen und sich zu waschen.

Nach dem Essen fuhren Nelson und ich zurück zur Schule. Er wollte mir alles zeigen, als erstes brachte er mich zum Fußballplatz. Dieser war eigentlich nichts anderes als eine sandige Fläche mit verbranntem Gras und jeder Menge „Cattleshit“, Rinderkacke, wie Nelson mich aufklärte. Die braunen Haufen lagen überall auf dem Platz verteilt, ich hatte sie zuerst gar nicht als Rinderkacke erkannt, doch dann nahm Nelson einen der trockenen Haufen in die Hand, erzählte mir von dem ersten Tag, als er und die Teilnehmer des Fußballlehrgangs den Platz betreten hatten. Da sei so viel Cattleshit gewesen, dass sie erst einmal mehrere Schulklassen damit beauftragt hätten, den Platz zu säubern, sagte er. Mit bloßen Händen hätten die Schüler die Haufen eingesammelt und zur Seite geschmissen. Erst dann sei es möglich gewesen, einigermaßen auf dem Platz Fußball zu spielen.

Nelson und ich gingen über den Schulhof, zurück zum Auto. Der Schulhof war riesig, mehrere türkis gestrichene Pavillons waren auf dem Gelände errichtet worden, um Platz für die 2000 Kinder zu schaffen, die hier jeden Tag die Schulbank drücken. Viele Kinder müssen weite Strecken zurücklegen, um überhaupt zur Schule zu gelangen, einige kommen aus Dörfern, die 20 Kilometer von der Schule entfernt sind, erzählte Nelson.

Außer ein paar Büschen, einzelnen Bäumen und einer kleinen Strohdachhütte, in der fünf traditionelle Trommeln unterschiedlicher Größe standen und die für musikalische Veranstaltungen genutzt wurde, gab es auf dem Schulhof nichts außer Cattleshit und ein paar Ziegen, die im Schatten der Pavillons Schutz vor der Mittagssonne gesucht hatten. Ansonsten gab es nichts, keine Tische, keine Rutsche, keine Spielgeräte, mit denen sich die Schüler die Zeit in den Pausen hätten vertreiben können.

Auf dem Weg zum Auto, machten wir vor einem der Pavillons Halt. Ich warf einen kurzen Blick in einen der Klassenräume, ein grauer, nackter Asphaltboden, mehrere klapprige, abgenutzte Tische, ein paar Schulbänke, eine Tafel, mehr gab es hier nicht. Die meisten Klassen bestehen aus 45 Schülern, erzählte Nelson. Ich musste an die Politiker in Deutschland denken, die bereits bei Klassenverbänden von gerade einmal 30 Schülern die Hände über dem Kopf zusammen schlagen. Für die Menschen hier in Zimbabwe waren 30 Kinder pro Klasse wahrscheinlich ein einziger Traum, der nie in Erfüllung gehen würde. Doch ich war mir sicher, dass die Kinder froh waren, dass sie überhaupt zur Schule gehen konnten.

2 Kommentare

  1. Sandra B. sagt:

    Hej Isa!

    Klingt ja alles sehr spannend was du so erlebst :).
    Hoffe du hast viel Spaß.

    Liebe Grüße
    Sandra

  2. Leni sagt:

    „Die Hühnchen in unseren deutschen Masthäusern würden vor lauter Neid wahrscheinlich von der Stange fallen.“

    *lach tot* :)))

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