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Nov
15

Mit dem Bus durch Afrika

Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete der Angestellte in der Einwanderungsbehörde das Visum in meinem Reisepass, er blätterte vor, wieder zurück, schaute noch einmal auf den Stempel, mit jeder Sekunde, die er sich Zeit ließ, wurde ich immer nervöser. Mein Visum musste dringend verlängert werden, heute war der letzte Tag, danach war ich ohne offizielle Aufenthaltsgenehmigung im Land.

Die Schlange hinter mir wurde immer länger, ein Mann kam nach vorne, beschwerte sich, warum das alles so lange dauern würde, ich spürte, wie meine Handflächen langsam feucht wurden. Irgendetwas schien nicht zu stimmen. Schließlich nahm der Mann hinter der Glasscheibe einen kleinen Stempel und schrieb mit einem Kugelschreiber etwas in meinen Pass. Er gab mir den Pass, ich schob die 30 USD – der Preis für ein Touristenvisum – unter der Glasscheibe hindurch, doch der Mann wollte mein Geld nicht. Irritiert schaute ich auf den Eintrag in meinem Pass, mein Visum war nur um sieben Tage verlängert worden, das konnte ich nicht verstehen. Gelangweilt erklärte mir der Angestellte der Einwanderungsbehörde, dass Business-Visa grundsätzlich nur um sieben Tage verlängert werden würden. Business-Visa? Ich wollte doch ein Touristenvisum! Doch dann fiel es mir wieder ein: Bei der Ankunft am Flughafen hatte ich als Einwanderungsgrund „Business“ und „Visiting friends/relatives“ angekreuzt, ohne zu wissen, dass ich eigentlich „Holiday“ hätte ankreuzen müssen.

Je länger die Schlange hinter mir wurde, desto unfreundlicher wurde der Mann der Einwanderungsbehörde. Ich versuchte ihm klarzumachen, dass ich nur ein Touristenvisum haben wolle, doch er ließ sich auf keine Diskussion ein. „Sieben Tage, danach müssen Sie das Land verlassen“, sagte er. Mit einer unwirschen Geste gab er mir zu verstehen, dass ich seinen Schalter nun verlassen sollte.

Völlig schockiert verließ ich den Raum, vorbei an klapprigen, alten Holzbänken, auf denen unzählige Kunden warteten, die mich neugierig musterten. Als ich in der Empfangshalle ankam, hielt mich eine blonde Frau am Arm fest. Sie hatte hinter mir in der Schlange gestanden und mein Problem mitbekommen. Ich solle mir keine Sorgen machen, sagte sie. Ich würde mein Visum schon bekommen, ich müsste nur einmal über die Grenze fahren und wieder zurück. Ich konnte es nicht fassen, über die Grenze fahren? Das hatte mir gerade noch gefehlt, der nächste Grenzübergang war in Mosambik, mindestens fünf Autostunden von Harare entfernt. Ich war mit den Nerven völlig am Ende.

Thomas versuchte mich zu beruhigen. Er schlug mir vor, anstelle von Mosambik nach Johannesburg zu fahren. Er hatte dort einen Bekannten, bei dem ich für ein oder zwei Tage unterkommen könnte. Ich könnte mit dem Bus fahren, ein paar nette Tage in Johannesburg verbringen und bei der Einreise in Simbabwe dann mein Touristenvisum bekommen. Das alles hörte sich so einfach an, doch von dem Gedanken, mit dem Bus (!) von Harare nach Südafrika zu fahren, war ich zunächst nicht besonders angetan.

Drei Tage später und 60 mit USD weniger im Portemonnaie wartete ich in einer Menschentraube vor einem riesigen Reisebus, ich war die einzige Weiße. Ich hatte nur einen kleinen Rucksack dabei, hatte nur das Nötigste eingepackt, ein paar Sachen zum Wechseln, eine Flasche Wasser, Zahnbürste und natürlich meinen Fotoapparat. Um mich herum drängten sich die Leute aus Simbabwe um den Bus, Frauen mit kleinen Kindern auf dem Arm schleppten riesige Koffer und prall gefüllte Reisetaschen zum Fahrer, damit er das Gepäck im Laderaum verstauen konnte. Jeder drängte nach vorn, alle schubsten und drückten, als hätten sie Angst, dass für ihren Koffer keinen Platz mehr sein könnte.

Im Bus selbst ging es genauso chaotisch zu. Was im Laderaum keinen Platz mehr gefunden hatte, wurde mit Gewalt in die kleinen Fächer über den Sitzen gepresst, die für das Handgepäck vorgesehen waren. Nach wenigen Minuten war auch der letzte Quadratzentimeter der Fächer ausgefüllt, Taschen quollen über den Rand, ich fragte  mich, wie lange das wohl gut gehen würde.

Ein paar Minuten verstrichen, dann war der Bus bis auf den letzten Platz besetzt. Der Busfahrer ging mit einer Liste durch die Reihen, vergewisserte sich, dass jeder auf dem ihm zugewiesenen Platz saß, dann startete er den Motor. Mittlerweile war es nach acht Uhr abends.

Wir hatten erst ein paar Kilometer zurückgelegt, waren gerade aus Harare herausgefahren, als einige Leute um mich herum bereits anfingen, ihre Lunchpakete auszupacken. Viele hatten sich für die lange Fahrt nach Südafrika mit mehr als genügend Lebensmitteln eingedeckt, die meisten beließen es jedoch nicht bei belegten Broten und Keksen. Eine ältere Dame neben mir zog eine Tubberdose aus der Tasche, als sie den Deckel hob, strömte der Geruch von Hühnchen durch die Luft. Sie legte den Deckel beiseite und machte sich laut schmatzend über ihre Hühnchenschenkel her, natürlich durften auch Gemüse und Sadza nicht fehlen. Andere hatten sich nicht die Mühe gemacht selbst zu kochen, sie waren vor der Fahrt bei Chicken Inn gewesen und hatten sich dort Hühnchenschenkel mit Pommes besorgt. Im ganzen Bus roch es wie in einer Imbissbude. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte sich ein deutscher Busfahrer mit Sicherheit schon über den Geruch der warmen Speisen in seinem Bus beschwert. Doch hier in Simbabwe schien es offenbar normal zu sein, sein Mittagessen im Bus einzunehmen.

Plötzlich war es über mir taghell, das Licht blendete mich, ich kniff die Augen zusammen, ich musste eingeschlafen sein. Um mich herum brach hektisches Treiben aus, alle drängten aus dem Bus. Waren wir schon an der Grenze? Ich fragte Victoria, ein freundliches Mädchen mit geflochtenen Haaren und lebenslustigen Augen, die neben mir saß, was los sei, warum alle Leute aus dem Bus aussteigen wollten. Victoria erzählte mir, dass wir nur an einer Raststelle angekommen waren, in 15 Minuten sollte es weitergehen.

Kurz nachdem alle Passagiere wieder im Bus saßen, wurde es laut. Ein aufgebrachter Mann mittleren Alters stand zwischen den Reihen, regte sich furchtbar über die Fahrweise unseres Busfahrers auf. Er schrie durch den Bus, dass dieser „fucking Busfahrer“ das Leben aller „fucking Passagiere“ gefährden würde und warum denn niemand der „fucking Passagiere“ etwas zu der „fucking Art“ des „fucking Busfahrers“ sagen würde. Jeder zweite Satz schien hauptsächlich aus dem Wort „Fuck“ bestehen, und wahrscheinlich war es auch so. Einige Reisende fühlten sich von dem Mann persönlich angegriffen, eine Frau richtete sich von ihrem Sitz auf, schrie ihm entgegen, sie würde es sich nicht gefallen lassen, dass er so mit ihr reden würde. Ich konnte nicht glauben, was hier gerade vor sich ging. „Weißt du was, Schwester, ich werde für dich beten, wenn wir heute alle in diesem `fucking Bus` sterben“, schleuderte der Mann ihr ins Gesicht. Ich sah zu Victoria hinüber, doch die rollte nur mit den Augen und schaute weiter aus dem Fenster. Es war gut, dass der Busfahrer kam und seinem aufgebrachten Fahrgast versicherte, dass er das Tempo ein wenig drosseln würde.

Als ich das nächste Mal aufwachte, waren wir bereits an der Grenze zu Südafrika angekommen. Alle mussten aus dem Bus aussteigen, um ihren Pass kontrollieren zu lassen und um sich bei der Einwanderungsbehörde registrieren zu lassen. Das alles kam mir vor wie eine halbe Ewigkeit. Insgesamt mussten wir an der Grenze drei Mal aus dem Bus aussteigen und ganze fünf Mal unseren Pass vorzeigen.

Während wir am Grenzübergang in der Schlange standen und warteten, dämmerte es bereits, erste Lichtstrahlen am Horizont kündigten den neuen Tag an. In wenigen Metern Entfernung sah ich eine Gruppe von Gudu-Affen. Sie liefen hinter der Absperrung entlang, kletterten über die Zäune, setzen sich auf das Dach des Grenzpostens. Von dort beobachten sie das Treiben unter sich, kratzen sich am Rücken, lausten sich gegenseitig das Fell. Andere liefen auf dem Gelände herum, sie suchten offenbar nach etwas Essbarem, das von uns Reisenden achtlos in die Büsche geschmissen worden war. Den Grenzposten schien die Anwesenheit der Affen nicht zu gefallen, mehrmals liefen sie auf die Affen zu, versuchten sie laut schreiend zu verscheuen, doch die Affen ließen sich davon nicht beeindrucken. Sie kamen immer wieder auf die andere Seite des Zauns zurück.

Die Landschaft veränderte sich, kaum dass wir die Grenze zu Südafrika überquert hatten. Ich war zwischendurch wieder eingeschlafen, doch als ich nun aufwachte, war ich von der Landschaft um mich herum überwältigt. Der Bus fuhr auf einer kurvigen Straße, nur eine schmale Leitplanke diente als Schutz vor dem Abgrund, der sich gähnend unter uns auftat. Die Straße führte mitten durch bergiges Gelände, nur ein falsches Manöver und der Bus wäre meterweit in die Schlucht gestürzt, über die wir gerade hinweg fuhren. Die Berge um uns herum waren gigantisch, sie erstreckten sich zu beiden Seiten des Busses, weit und breit nichts als Felsen, Bäume und blauer Himmel. Der Anblick dieser unglaublichen Natur, die abgesehen von der Straße, auf der wir fuhren, völlig unberührt war, überwältigte mich so sehr, dass mir die Tränen in die Augen stiegen. Noch nie hatte ich eine dermaßen atemberaubende Landschaft gesehen!

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