{"id":41,"date":"2010-10-04T15:20:39","date_gmt":"2010-10-04T14:20:39","guid":{"rendered":"http:\/\/littlevillage.de\/?p=41"},"modified":"2025-03-31T22:14:06","modified_gmt":"2025-03-31T21:14:06","slug":"auto-fahren-in-harare","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.littlevillage.de\/?p=41","title":{"rendered":"Auto fahren in Harare"},"content":{"rendered":"<p><strong>25.09.2010<\/strong><\/p>\n<p>Mir graute vor dem R\u00fcckweg. Es war die erste l\u00e4ngere Tour durch Harare, die ich vor mir hatte, allein. Als Fahranf\u00e4nger in Harare f\u00fchlte ich mich im Stra\u00dfenverkehr noch nicht besonders sicher. An den Linksverkehr hatte ich mich relativ schnell gew\u00f6hnt, doch die nicht vorhandenen Vorfahrtsregeln an den meist un\u00fcbersichtlichen Kreuzungen bereiteten mir Probleme. Auch auf die Ampeln kann man sich nicht verlassen, entweder sieht man sie zu sp\u00e4t, weil sie anders als in Deutschland auf der gegen\u00fcberliegenden Stra\u00dfenseite stehen, oder sie funktionieren gar nicht erst. In dem Fall wird es richtig interessant.<!--more--><\/p>\n<p>Wenn man gezwungen ist, in Harare Auto zu fahren, merkt man schnell, wie gut es Autofahrer in Deutschland eigentlich haben. Funktionierende Ampeln, klare Vorfahrtsregeln an Kreuzungen und Zebrastreifen, Schilder und Fahrbahnmarkierungen, die einem den Weg weisen. Das alles gibt es in Harare zwar auch, allerdings mit Einschr\u00e4nkungen.<\/p>\n<p>Das erste, was ich lernte, war, dass Fu\u00dfg\u00e4nger und Radfahrer keine Rechte haben, weder an Zebrastreifen noch sonst irgendwo. An Kreuzungen gilt das Gesetz des St\u00e4rkeren. Wer abwartet, kommt nicht voran. Am besten h\u00e4lt man sich an unbesorgte Autofahrer, die sich in den Verkehr \u201edr\u00fccken\u201c, wie Thomas es nennt. Wenn man in ihrem Windschatten f\u00e4hrt, sei man auf der sicheren Seite, sagte er.<\/p>\n<p>Ich hatte Thomas in die Stadt gefahren, er wollte ein paar Sachen erledigen. Die Fahrt in die Stadt war kein Problem, Thomas sa\u00df ja neben mir. Er leitete mich durch den Verkehr, machte mich auf Schlagl\u00f6cher und gef\u00e4hrliche Kreuzungen aufmerksam.<\/p>\n<p>Schon auf dem Weg in die Stadt waren wir an einer Kreuzung vorbeigekommen, an der eine gro\u00dfe Baustelle den Verkehr behinderte. Die Kreuzung befand sich in H\u00f6he des Armenviertels der Stadt. \u201eHier wohnen die \u00c4rmsten der Armen\u201c, hatte Thomas gesagt, als wir an dem bunten Treiben vorbeifuhren. Es war noch fr\u00fch am Morgen, die Sonne stand schon hoch am Himmel, auf einem Platz neben der Kreuzung fand ein gro\u00dfer Basar statt. Es war unglaublich viel los, bunte Planen flatterten lose im Wind, Bauern hatten ihre Waren auf dem Boden ausgebreitet, Orangen lagen neben Bananen, Reis und bunten Stoffen. Menschen str\u00f6mten aus allen Richtungen auf den Basar, mein Interesse war sofort geweckt. Doch Thomas riet mir von einem Besuch des Basars ab, f\u00fcr Wei\u00dfe sei es hier zu gef\u00e4hrlich, die Gefahr, \u00fcberfallen zu werden, viel zu gro\u00df.<\/p>\n<p>Genau dieser Kreuzung n\u00e4herte ich mich nun also, als ich auf dem R\u00fcckweg aus der Stadt war. Schon von weitem erkannte ich, dass irgendetwas nicht stimmte. Der Verkehr geriet ins Stocken, Autofahrer um mich herum schalteten ihr Warnblinklicht ein. Willkommen im gr\u00f6\u00dften Verkehrschaos meines Lebens! Die Ampeln an der Kreuzung waren in der Zwischenzeit ausgefallen, die Arbeiter auf der Baustelle st\u00f6rte das wenig, sie schlugen unbeirrt mit ihren Spitzhacken auf den Asphalt ein, der Schwei\u00df lief ihnen den R\u00fccken hinunter, dunkle Flecken breiteten sich auf ihren T-Shirts aus.<\/p>\n<p>Ohne es zu wissen, war ich direkt in den Stau hinein gefahren. Die Autos standen dicht an dicht, wie eine Perlenkette. Menschen gingen zwischen den Autos hindurch, um auf den Basar zu kommen. Viele schauten neugierig in meinen Wagen, grinsten, stie\u00dfen sich gegenseitig an, zeigten auf die Wei\u00dfe im Auto. Sie lachten. Ich war nerv\u00f6s, hatte kein gutes Gef\u00fchl. Da stand ich nun also mitten in einem unglaublichen Stau, nichts ging mehr, und neben mir das Armenviertel der Stadt. Vorsichtshalber machte ich meine Fenster zu, verriegelte von innen die T\u00fcr.<\/p>\n<p>Langsam schob sich der Verkehr voran und quetschte sich \u00fcber die Kreuzung. Als ich an der Kreuzung ankam, hatte ich keine Chance, es gab kein Vor, kein Zur\u00fcck. Die Autos str\u00f6mten von allen Seiten auf die Mitte zu, alle wollten sich zuerst durch den Verkehr \u201edr\u00fccken\u201c. Dadurch hatte sich ein einziges Kn\u00e4uel an Autos gebildet. Die Autos standen kreuz und quer, nahmen sich gegenseitig die M\u00f6glichkeit, sich auch nur einen Zentimeter fortzubewegen. Weit und breit kein Polizist, der das Chaos h\u00e4tte dirigieren k\u00f6nnen. Und so versuchte sich jeder\u00a0 in den Verkehr zu dr\u00e4ngeln, mich eingeschlossen. Irgendwann stand ich mitten auf der Kreuzung, links und rechts eingekeilt von Fahrzeugen. Die Autos standen dicht an dicht, es war so eng, ich konnte noch nicht einmal die T\u00fcr \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Normalerweise h\u00e4tte ich geradeaus fahren m\u00fcssen, doch daran war nicht mehr zu denken, der Durchgang war abgeschnitten, ich konnte froh sein, wenn ich \u00fcberhaupt einen Weg aus diesem Chaos finden w\u00fcrde. W\u00fctende Afrikaner lehnten sich aus dem Autofenster, hupten, beschimpften sich gegenseitig. F\u00fcr einen der M\u00e4nner war ich wohl das Problem, wild gestikulierend machte er mir zu verstehen, ich solle den Weg frei machen. Doch wo sollte ich hin? Die anderen Autofahrer waren mir direkt hinterher gefahren, ich konnte in keine Richtung ausweichen.<\/p>\n<p>Irgendwann tat sich eine L\u00fccke auf, jetzt oder nie, dachte ich und fuhr langsam an. Zur gleichen Zeit setzte sich ein wei\u00dfer Kleinbus links von mir in Bewegung. Ein Commuter-Bus, das hatte mir gerade noch gefehlt. Der Bus war voll besetzt, bis zu 30 Schwarze hatten sich in das enge Fahrzeug gequetscht. Der Commuter-Bus wollte vor mir rechts abbiegen, ich erinnerte mich gerade daran, dass mich Thomas vor eben diesen Bussen gewarnt hatte, da knallte der Bus in meinen linken Kotfl\u00fcgel. Es krachte laut, ich trat heftig auf die Bremse, meine Beine zitterten. Ich wartete, rechnete damit, dass jetzt jemand aus dem Bus aussteigen, mich beschimpfen w\u00fcrde, doch nichts passierte. Ich trat aufs Gaspedal, fuhr durch eine L\u00fccke in der Autokolonne, mitten hinein ins Armenviertel.<\/p>\n<p>Im Armenviertel staute sich der Verkehr erneut. Ich war immer noch total aufgeregt, mein Herz klopfte wild, mein Kopf gl\u00fchte, ich hatte die Fenster noch immer geschlossen. Die Sonne brannte aufs Autodach, meine Wasserflasche war schon lange leer. Ich hatte keine Ahnung, wo ich war, ich wusste nur, dass dies eine Gegend war, wo ich alleine besser nicht lang fahren sollte. So schnell wie m\u00f6glich versuchte ich, die Hauptstra\u00dfe zu finden, die Landkarte im Auto war mir keine gro\u00dfe Hilfe, es gab so gut wie keine Stra\u00dfenschilder, an denen ich mich h\u00e4tte orientieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Um die Sache abzuk\u00fcrzen: Es dauerte etwa eineinhalb Stunden, bis ich wieder einigerma\u00dfen eine Orientierung hatte. Durchgeschwitzt und mit den Nerven v\u00f6llig am Ende fuhr ich auf unseren Hof. Ich stieg aus, rannte um das Auto herum, suchte nach dem Schaden, den der Commuter-Bus beim Zusammensto\u00df verursacht hatte. Gl\u00fccklicherweise war dort nur eine kleine Schramme, der Lack war an ein paar Stellen ab, dort klebte die wei\u00dfe Farbe des Commuter-Busses. Ich atmete auf, ich hatte Schlimmeres bef\u00fcrchtet. Trotzdem war der Tag f\u00fcr mich gelaufen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>25.09.2010 Mir graute vor dem R\u00fcckweg. Es war die erste l\u00e4ngere Tour durch Harare, die ich vor mir hatte, allein. Als Fahranf\u00e4nger in Harare f\u00fchlte ich mich im Stra\u00dfenverkehr noch nicht besonders sicher. 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