{"id":268,"date":"2010-11-15T10:51:15","date_gmt":"2010-11-15T09:51:15","guid":{"rendered":"http:\/\/littlevillage.de\/?p=268"},"modified":"2025-03-31T22:12:58","modified_gmt":"2025-03-31T21:12:58","slug":"neumit-dem-bus-durch-afrika","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.littlevillage.de\/?p=268","title":{"rendered":"Mit dem Bus durch Afrika"},"content":{"rendered":"<p>Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete der Angestellte in der Einwanderungsbeh\u00f6rde das Visum in meinem Reisepass, er bl\u00e4tterte vor, wieder zur\u00fcck, schaute noch einmal auf den Stempel, mit jeder Sekunde, die er sich Zeit lie\u00df, wurde ich immer nerv\u00f6ser. Mein Visum musste dringend verl\u00e4ngert werden, heute war der letzte Tag, danach war ich ohne offizielle Aufenthaltsgenehmigung im Land.<!--more--><\/p>\n<p>Die Schlange hinter mir wurde immer l\u00e4nger, ein Mann kam nach vorne, beschwerte sich, warum das alles so lange dauern w\u00fcrde, ich sp\u00fcrte, wie meine Handfl\u00e4chen langsam feucht wurden. Irgendetwas schien nicht zu stimmen. Schlie\u00dflich nahm der Mann hinter der Glasscheibe einen kleinen Stempel und schrieb mit einem Kugelschreiber etwas in meinen Pass. Er gab mir den Pass, ich schob die 30 USD \u2013 der Preis f\u00fcr ein Touristenvisum \u2013 unter der Glasscheibe hindurch, doch der Mann wollte mein Geld nicht. Irritiert schaute ich auf den Eintrag in meinem Pass, mein Visum war nur um sieben Tage verl\u00e4ngert worden, das konnte ich nicht verstehen. Gelangweilt erkl\u00e4rte mir der Angestellte der Einwanderungsbeh\u00f6rde, dass Business-Visa grunds\u00e4tzlich nur um sieben Tage verl\u00e4ngert werden w\u00fcrden. Business-Visa? Ich wollte doch ein Touristenvisum! Doch dann fiel es mir wieder ein: Bei der Ankunft am Flughafen hatte ich als Einwanderungsgrund \u201eBusiness\u201c und \u201eVisiting friends\/relatives\u201c angekreuzt, ohne zu wissen, dass ich eigentlich \u201eHoliday\u201c h\u00e4tte ankreuzen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Je l\u00e4nger die Schlange hinter mir wurde, desto unfreundlicher wurde der Mann der Einwanderungsbeh\u00f6rde. Ich versuchte ihm klarzumachen, dass ich nur ein Touristenvisum haben wolle, doch er lie\u00df sich auf keine Diskussion ein. \u201eSieben Tage, danach m\u00fcssen Sie das Land verlassen\u201c, sagte er. Mit einer unwirschen Geste gab er mir zu verstehen, dass ich seinen Schalter nun verlassen sollte.<\/p>\n<p>V\u00f6llig schockiert verlie\u00df ich den Raum, vorbei an klapprigen, alten Holzb\u00e4nken, auf denen unz\u00e4hlige Kunden warteten, die mich neugierig musterten. Als ich in der Empfangshalle ankam, hielt mich eine blonde Frau am Arm fest. Sie hatte hinter mir in der Schlange gestanden und mein Problem mitbekommen. Ich solle mir keine Sorgen machen, sagte sie. Ich w\u00fcrde mein Visum schon bekommen, ich m\u00fcsste nur einmal \u00fcber die Grenze fahren und wieder zur\u00fcck. Ich konnte es nicht fassen, \u00fcber die Grenze fahren? Das hatte mir gerade noch gefehlt, der n\u00e4chste Grenz\u00fcbergang war in Mosambik, mindestens f\u00fcnf Autostunden von Harare entfernt. Ich war mit den Nerven v\u00f6llig am Ende.<\/p>\n<p>Thomas versuchte mich zu beruhigen. Er schlug mir vor, anstelle von Mosambik nach Johannesburg zu fahren. Er hatte dort einen Bekannten, bei dem ich f\u00fcr ein oder zwei Tage unterkommen k\u00f6nnte. Ich k\u00f6nnte mit dem Bus fahren, ein paar nette Tage in Johannesburg verbringen und bei der Einreise in Simbabwe dann mein Touristenvisum bekommen. Das alles h\u00f6rte sich so einfach an, doch von dem Gedanken, mit dem Bus (!) von Harare nach S\u00fcdafrika zu fahren, war ich zun\u00e4chst nicht besonders angetan.<\/p>\n<p>Drei Tage sp\u00e4ter und 60 mit USD weniger im Portemonnaie wartete ich in einer Menschentraube vor einem riesigen Reisebus, ich war die einzige Wei\u00dfe. Ich hatte nur einen kleinen Rucksack dabei, hatte nur das N\u00f6tigste eingepackt, ein paar Sachen zum Wechseln, eine Flasche Wasser, Zahnb\u00fcrste und nat\u00fcrlich meinen Fotoapparat. Um mich herum dr\u00e4ngten sich die Leute aus Simbabwe um den Bus, Frauen mit kleinen Kindern auf dem Arm schleppten riesige Koffer und prall gef\u00fcllte Reisetaschen zum Fahrer, damit er das Gep\u00e4ck im Laderaum verstauen konnte. Jeder dr\u00e4ngte nach vorn, alle schubsten und dr\u00fcckten, als h\u00e4tten sie Angst, dass f\u00fcr ihren Koffer keinen Platz mehr sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Im Bus selbst ging es genauso chaotisch zu. Was im Laderaum keinen Platz mehr gefunden hatte, wurde mit Gewalt in die kleinen F\u00e4cher \u00fcber den Sitzen gepresst, die f\u00fcr das Handgep\u00e4ck vorgesehen waren. Nach wenigen Minuten war auch der letzte Quadratzentimeter der F\u00e4cher ausgef\u00fcllt, Taschen quollen \u00fcber den Rand, ich fragte\u00a0 mich, wie lange das wohl gut gehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Ein paar Minuten verstrichen, dann war der Bus bis auf den letzten Platz besetzt. Der Busfahrer ging mit einer Liste durch die Reihen, vergewisserte sich, dass jeder auf dem ihm zugewiesenen Platz sa\u00df, dann startete er den Motor. Mittlerweile war es nach acht Uhr abends.<\/p>\n<p>Wir hatten erst ein paar Kilometer zur\u00fcckgelegt, waren gerade aus Harare herausgefahren, als einige Leute um mich herum bereits anfingen, ihre Lunchpakete auszupacken. Viele hatten sich f\u00fcr die lange Fahrt nach S\u00fcdafrika mit mehr als gen\u00fcgend Lebensmitteln eingedeckt, die meisten belie\u00dfen es jedoch nicht bei belegten Broten und Keksen. Eine \u00e4ltere Dame neben mir zog eine Tubberdose aus der Tasche, als sie den Deckel hob, str\u00f6mte der Geruch von H\u00fchnchen durch die Luft. Sie legte den Deckel beiseite und machte sich laut schmatzend \u00fcber ihre H\u00fchnchenschenkel her, nat\u00fcrlich durften auch Gem\u00fcse und Sadza nicht fehlen. Andere hatten sich nicht die M\u00fche gemacht selbst zu kochen, sie waren vor der Fahrt bei Chicken Inn gewesen und hatten sich dort H\u00fchnchenschenkel mit Pommes besorgt. Im ganzen Bus roch es wie in einer Imbissbude. Sp\u00e4testens zu diesem Zeitpunkt h\u00e4tte sich ein deutscher Busfahrer mit Sicherheit schon \u00fcber den Geruch der warmen Speisen in seinem Bus beschwert. Doch hier in Simbabwe schien es offenbar normal zu sein, sein Mittagessen im Bus einzunehmen.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich war es \u00fcber mir taghell, das Licht blendete mich, ich kniff die Augen zusammen, ich musste eingeschlafen sein. Um mich herum brach hektisches Treiben aus, alle dr\u00e4ngten aus dem Bus. Waren wir schon an der Grenze? Ich fragte Victoria, ein freundliches M\u00e4dchen mit geflochtenen Haaren und lebenslustigen Augen, die neben mir sa\u00df, was los sei, warum alle Leute aus dem Bus aussteigen wollten. Victoria erz\u00e4hlte mir, dass wir nur an einer Raststelle angekommen waren, in 15 Minuten sollte es weitergehen.<\/p>\n<p>Kurz nachdem alle Passagiere wieder im Bus sa\u00dfen, wurde es laut. Ein aufgebrachter Mann mittleren Alters stand zwischen den Reihen, regte sich furchtbar \u00fcber die Fahrweise unseres Busfahrers auf. Er schrie durch den Bus, dass dieser \u201efucking Busfahrer\u201c das Leben aller \u201efucking Passagiere\u201c gef\u00e4hrden w\u00fcrde und warum denn niemand der \u201efucking Passagiere\u201c etwas zu der \u201efucking Art\u201c des \u201efucking Busfahrers\u201c sagen w\u00fcrde. Jeder zweite Satz schien haupts\u00e4chlich aus dem Wort \u201eFuck\u201c bestehen, und wahrscheinlich war es auch so. Einige Reisende f\u00fchlten sich von dem Mann pers\u00f6nlich angegriffen, eine Frau richtete sich von ihrem Sitz auf, schrie ihm entgegen, sie w\u00fcrde es sich nicht gefallen lassen, dass er so mit ihr reden w\u00fcrde. Ich konnte nicht glauben, was hier gerade vor sich ging. \u201eWei\u00dft du was, Schwester, ich werde f\u00fcr dich beten, wenn wir heute alle in diesem `fucking Bus` sterben\u201c, schleuderte der Mann ihr ins Gesicht. Ich sah zu Victoria hin\u00fcber, doch die rollte nur mit den Augen und schaute weiter aus dem Fenster. Es war gut, dass der Busfahrer kam und seinem aufgebrachten Fahrgast versicherte, dass er das Tempo ein wenig drosseln w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Als ich das n\u00e4chste Mal aufwachte, waren wir bereits an der Grenze zu S\u00fcdafrika angekommen. Alle mussten aus dem Bus aussteigen, um ihren Pass kontrollieren zu lassen und um sich bei der Einwanderungsbeh\u00f6rde registrieren zu lassen. Das alles kam mir vor wie eine halbe Ewigkeit. Insgesamt mussten wir an der Grenze drei Mal aus dem Bus aussteigen und ganze f\u00fcnf Mal unseren Pass vorzeigen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend wir am Grenz\u00fcbergang in der Schlange standen und warteten, d\u00e4mmerte es bereits, erste Lichtstrahlen am Horizont k\u00fcndigten den neuen Tag an. In wenigen Metern Entfernung sah ich eine Gruppe von Gudu-Affen. Sie liefen hinter der Absperrung entlang, kletterten \u00fcber die Z\u00e4une, setzen sich auf das Dach des Grenzpostens. Von dort beobachten sie das Treiben unter sich, kratzen sich am R\u00fccken, lausten sich gegenseitig das Fell. Andere liefen auf dem Gel\u00e4nde herum, sie suchten offenbar nach etwas Essbarem, das von uns Reisenden achtlos in die B\u00fcsche geschmissen worden war. Den Grenzposten schien die Anwesenheit der Affen nicht zu gefallen, mehrmals liefen sie auf die Affen zu, versuchten sie laut schreiend zu verscheuen, doch die Affen lie\u00dfen sich davon nicht beeindrucken. Sie kamen immer wieder auf die andere Seite des Zauns zur\u00fcck.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/littlevillage.de\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/DSCF1359.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-285\" title=\"DSCF1359\" src=\"http:\/\/littlevillage.de\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/DSCF1359-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" \/><\/a>Die Landschaft ver\u00e4nderte sich, kaum dass wir die Grenze zu S\u00fcdafrika \u00fcberquert hatten. Ich war zwischendurch wieder eingeschlafen, doch als ich nun aufwachte, war ich von der Landschaft um mich herum \u00fcberw\u00e4ltigt. Der Bus fuhr auf einer kurvigen Stra\u00dfe, nur eine schmale Leitplanke diente als Schutz vor dem Abgrund, der sich g\u00e4hnend unter uns auftat. Die Stra\u00dfe f\u00fchrte mitten durch bergiges Gel\u00e4nde, nur ein falsches Man\u00f6ver und der Bus w\u00e4re meterweit in die Schlucht gest\u00fcrzt, \u00fcber die wir gerade hinweg fuhren. Die Berge um uns herum waren gigantisch, sie erstreckten sich zu beiden Seiten des Busses, weit und breit nichts als Felsen, B\u00e4ume und blauer Himmel. Der Anblick dieser unglaublichen Natur, die abgesehen von der Stra\u00dfe, auf der wir fuhren, v\u00f6llig unber\u00fchrt war, \u00fcberw\u00e4ltigte mich so sehr, dass mir die Tr\u00e4nen in die Augen stiegen. Noch nie hatte ich eine derma\u00dfen atemberaubende Landschaft gesehen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete der Angestellte in der Einwanderungsbeh\u00f6rde das Visum in meinem Reisepass, er bl\u00e4tterte vor, wieder zur\u00fcck, schaute noch einmal auf den Stempel, mit jeder Sekunde, die er sich Zeit lie\u00df, wurde ich immer nerv\u00f6ser. 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