{"id":209,"date":"2010-10-11T08:10:19","date_gmt":"2010-10-11T07:10:19","guid":{"rendered":"http:\/\/littlevillage.de\/?p=209"},"modified":"2025-03-31T22:13:48","modified_gmt":"2025-03-31T21:13:48","slug":"alle-reparatur-ist-schwer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.littlevillage.de\/?p=209","title":{"rendered":"Alle Reparatur ist schwer"},"content":{"rendered":"<p><strong>30.09.2010<\/strong><\/p>\n<p>In den folgenden Tagen durfte ich den \u201eway of life\u201c der Leute hier in Harare endg\u00fcltig am eigenen Leib kennen lernen. Die Sache mit meinem Auto hatte mich bereits ziemlich aufgeregt. Heute sollten nun also endlich alle Reparaturen abgeschlossen werden. Zumindest hatte Viola mir das am Abend zuvor am Telefon versichert. Doch als ich an diesem Morgen ihr B\u00fcro betrat, stellte ich fest, dass sie die n\u00f6tigen Ersatzteile f\u00fcr den Wagen noch nicht einmal gekauft hatte.<!--more-->Mittlerweile hatte ich aufgeh\u00f6rt zu z\u00e4hlen, wie oft Viola mich in den letzten Tagen in ihr B\u00fcro bestellt hatte. Es war wirklich kaum auszuhalten: Da zahlte ich 20 USD am Tag f\u00fcr einen Wagen, den ich aber gar nicht nutzen konnte, weil er a) in einem kaum zumutbaren Zustand war und b) entsprechend die meiste Zeit der Woche bei Viola in der Werkstatt stand, zwecks angeblicher Reparatur.<\/p>\n<p>Ich solle mir keine Sorgen machen, sagte Viola, heute w\u00fcrde das Auto ganz bestimmt fertig werden. Ich wollte, konnte das nicht so recht glauben. Frances, ein Autoh\u00e4ndler, der mit Viola zusammenarbeitet, mischte sich ein. Er hatte mitbekommen, was ich f\u00fcr Probleme mit dem Auto hatte, nun f\u00fchlte er sich offenbar dazu berufen, mir zu helfen. Ich kannte Frances vom Sehen, hatte ihn schon ein paar Mal bei Viola im B\u00fcro angetroffen. Ich sch\u00e4tzte ihn auf Ende Vierzig, seine Bartstoppeln und seine Haare, die unter seinem Hut hervorlugten, waren an vielen Stellen bereits grau. Frances erkl\u00e4rte sich bereit, mich nach Hause zu fahren und mein Auto danach in Violas Werkstatt zu bringen.<\/p>\n<p>Frances legt gro\u00dfen Wert darauf, sich von den Arbeitern um sich herum abzugrenzen, das verr\u00e4t allein schon seine Kleidung. Genau wie Viola achtet auch er sehr auf seine optische Erscheinung, ist immer ordentlich gekleidet, mit Hut, Anzug, Hemd oder Pullunder. Bei jeder Gelegenheit versucht er, den t\u00fcchtigen und seri\u00f6sen Gesch\u00e4ftspartner heraush\u00e4ngen zu lassen, beschwert sich \u00fcber Violas Angestellten, die er alle f\u00fcr furchtbar \u201euneducated\u201c (ungebildet), unf\u00e4hig und unzuverl\u00e4ssig h\u00e4lt. Etwas, das man von ihm nicht behaupten k\u00f6nnte, nat\u00fcrlich nicht. Seine \u00fcberhebliche Art machte ihn mir anfangs ziemlich unsympathisch, ich mochte ihn nicht.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Fahrt stellte ich fest, dass ich mich in Frances get\u00e4uscht hatte. Tats\u00e4chlich war er sehr hilfsbereit und verf\u00fcgte \u00fcber ein erstaunliches, historisches Wissen. Er schmetterte mir Jahreszahlen aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg um die Ohren, lie\u00df sich schlie\u00dflich zu Lobpreisungen \u00fcber Hitler hinrei\u00dfen. Als er meinen entsetzten Gesichtsausdruck sah, ruderte er schnell zur\u00fcck. Ich solle das bitte nicht falsch verstehen, sagte er. Nat\u00fcrlich k\u00f6nne er die Vernichtung von sechs Millionen Juden nicht gut hei\u00dfen, aber man m\u00fcsse sich das doch mal \u00fcberlegen, was Hitler alles erreicht h\u00e4tte, und das in so kurzer Zeit. Dazu wollte ich nun wirklich nichts sagen.<\/p>\n<p>Als Frances merkte, dass ich seine Bewunderung f\u00fcr Hitlers Machenschaften offenbar nicht teilte, wechselte er schnell das Thema, fing an, sich \u00fcber mein Auto (\u201ea really bad car\u201c &#8211; ein wirklich schlechtes Auto) aufzuregen. Er fragte, was Viola bereits alles repariert hatte und was noch alles gemacht werden musste. Er probierte die Scheibenwischer aus, bet\u00e4tigte die Blinker, dr\u00fcckte auf die Hupe, testete die elektrischen Fensterheber, als ob er sich selbst von dem schlechten Zustand des Wagens \u00fcberzeugen m\u00fcsste. Als er h\u00f6rte, wie viel Geld ich Viola f\u00fcr das Auto gegeben hatte, kniff er die Augen zusammen, verzog missmutig den Mund. \u201eIch glaube, sie haben dich ganz sch\u00f6n verarscht\u201c, sagte er. Das Auto sei eine einzige Schrottkiste, ich w\u00e4re besser beraten gewesen, h\u00e4tte ich mich bei der Suche nach einem Auto gleich an ihn gewendet, sagte er, dann h\u00e4tte ich diese Probleme jetzt nicht gehabt. Es klang ein wenig beleidigt.<\/p>\n<p>Die ganze Fahrt \u00fcber versuchte Frances mich davon zu \u00fcberzeugen, das Gesch\u00e4ft mit Viola r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen. 1800 USD f\u00fcr so ein kaputtes Auto, das ist einfach zu viel, sagte er. Es w\u00e4re das Beste, Viola w\u00fcrde mir mein Geld wiedergeben. F\u00fcr das Geld k\u00f6nne er mir dann auch ein Auto anbieten, ein weitaus besseres Auto, versteht sich. Immerhin wisse er genau, worauf es Wei\u00dfen bei einem Auto ankommen w\u00fcrde, versicherte er mir. Auf jeden Fall br\u00e4uchte ich eine Klimaanlage, so viel stehe fest. F\u00fcr mich als Europ\u00e4er sei es hier in Harare schlie\u00dflich viel zu hei\u00df. Zugeben, \u00fcber eine funktionierende Klimaanlage h\u00e4tte ich mich gefreut, doch setzten mir die Temperaturen doch nicht so sehr zu, als dass ich das Gef\u00fchl gehabt h\u00e4tte, auf der Stelle zu kollabieren. Doch so wie Frances die Lage darstellte, schien ich als Deutsche in Harare ohne Klimaanlage praktisch keine \u00dcberlebenschancen zu haben.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich bogen wir in unsere Stra\u00dfe ein, Frances fuhr langsamer, setzte mich direkt vor der Haust\u00fcr ab. Er war noch immer v\u00f6llig au\u00dfer sich \u00fcber den Zustand meines Autos, sagte, dass er sich pers\u00f6nlich darum k\u00fcmmern werde, dass heute endlich alles repariert werden w\u00fcrde. \u201eIch werde Viola sagen, dass du ein ordentliches Auto brauchst\u201c, sagte er. Dann fuhr er los, und f\u00fcr mich begann das Warten.<\/p>\n<p>Ich wartete und wartete, zwei Stunden, drei Stunden, vier Stunden, nichts passierte. Mein Handy blieb still, keine SMS, kein Anruf, niemand klingelte an der T\u00fcr, um mir mein Auto zu bringen. Kurz vor Feierabend, es war zehn Minuten vor 17 Uhr, klingelte schlie\u00dflich mein Handy, Viola. Ich ahnte schon, was jetzt kommen w\u00fcrde. Es tue ihr sehr Leid, sagte sie, aber das Auto sei noch nicht fertig. Mit dieser Ansage hatte ich irgendwie gerechnet. Sie fragte mich, ob sie das Auto in ihrer Werkstatt behalten oder sie jemanden mit dem Wagen zu mir schicken solle. Da ich das Auto nicht dringend brauchte, entschied ich mich, das Auto bis zum n\u00e4chsten Tag bei ihr auf dem Hof zu lassen.<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste Tag begann wie der letzte: mit Warten. Im Laufe des Vormittags sollte mir jemand das Auto bringen, zumindest hatte Viola das am Abend zuvor gesagt. Wieder wartete ich den ganzen Tag, ohne dass etwas passiert w\u00e4re. Gegen 18 Uhr &#8211; ich hatte schon gar nicht mehr damit gerechnet &#8211; klingelte es schlie\u00dflich drau\u00dfen am Tor. Ich dr\u00fcckte den Knopf auf der Gegensprechanlage, um das Tor zu \u00f6ffnen, lief nach drau\u00dfen, dem Auto entgegen.<\/p>\n<p>Etwas verwundert stellte ich fest, dass gleich zwei junge M\u00e4nner in \u201emeinem\u201c Auto sa\u00dfen, Violas S\u00f6hne. Ich konnte mir beim besten Willen nicht erkl\u00e4ren, wieso mir ausgerechnet Violas S\u00f6hne das Auto brachten, aber ich fragte nicht weiter nach, war froh, dass das Auto \u00fcberhaupt wieder auf dem Hof stand. Die beiden M\u00e4nner machten keine Anstalten, aus dem Auto auszusteigen. Richtig, ich musste sie ja wieder nach Hause fahren. Ich setzte mich auf den R\u00fccksitz, einer der beiden M\u00e4nner drehte sich zu mir um, grinste breit. Das Auto ist repariert, sagte er. Davon musste ich mich erst einmal selbst \u00fcberzeugen. Und wirklich: Die Hupe funktionierte wieder, der Scheibenwischer auch. DER Scheibenwischer? Ich schaute noch einmal hin, konnte es kaum glauben, Violas Angestellten hatten mir tats\u00e4chlich nur einen Scheibenwischer angebaut. Angesichts der bevorstehenden Regenzeit schien mir dieser eine Scheibenwischer kaum geeignet, die herabprasselnden Wassermassen zu bew\u00e4ltigen.<\/p>\n<p>Als ich mich weiter im Auto umsah, bemerkte ich, dass auch der zweite Gurt auf der Beifahrerseite noch immer fehlte. Ich machte Violas S\u00f6hne darauf aufmerksam, doch die grinsten sich nur an. Die Fahrt zu Violas Haus verlief sehr schweigsam. Der j\u00fcngere ihrer beiden S\u00f6hne wechselte kein einziges Wort mit mir, der andere lie\u00df sich wenigstens dazu herab, ein paar H\u00f6flichkeiten mit mir auszutauschen. Die Fahrt zog sich unglaublich in die L\u00e4nge, mittlerweile wurde es drau\u00dfen dunkel. Wir fuhren eine Strecke, die ich vorher noch nie gefahren war. Ich versuchte mir jedes Stra\u00dfenschild, jede Kreuzung genau einzupr\u00e4gen, ich wollte mich auf dem R\u00fcckweg auf keinen Fall verfahren.<\/p>\n<p>Nach einer gef\u00fchlten Stunde kamen wir endlich vor Violas Haus an. Eine riesige, gelbe Mauer umz\u00e4unte das Grundst\u00fcck, von dem Haus selbst konnte ich nichts sehen. Violas S\u00f6hne stiegen aus, verabschiedeten sich knapp von mir, fragten, ob ich den Weg zur\u00fcck finden w\u00fcrde, dann verschwanden sie hinter dem gro\u00dfen, eisernen Tor.<\/p>\n<p>Eigentlich sollte man meinen, dass mich nach den ganzen Quereleien um das Auto nichts mehr wirklich schockieren k\u00f6nnte, doch als ich mich nun hinter das Steuer setzte, erwartete mich die n\u00e4chste und f\u00fcr den heutigen Tag letzte \u00dcberraschung: Der Tank war bis auf den letzten Tropfen leer, dabei hatte ich das Auto fast voll getankt bei Viola abgegeben! Offenbar waren ihre Angestellten oder ihre S\u00f6hne w\u00e4hrend der ganzen Zeit, in der ich Viola das Auto anvertraut hatte, damit durch die Gegend gefahren. Kein Wunder, dass dabei keine Zeit geblieben ist, den Wagen vollst\u00e4ndig zu reparieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>30.09.2010 In den folgenden Tagen durfte ich den \u201eway of life\u201c der Leute hier in Harare endg\u00fcltig am eigenen Leib kennen lernen. Die Sache mit meinem Auto hatte mich bereits ziemlich aufgeregt. Heute sollten nun also endlich alle Reparaturen abgeschlossen werden. Zumindest hatte Viola mir das am Abend zuvor am Telefon versichert. 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