{"id":109,"date":"2010-10-11T08:21:39","date_gmt":"2010-10-11T07:21:39","guid":{"rendered":"http:\/\/littlevillage.de\/?p=109"},"modified":"2025-03-31T22:13:43","modified_gmt":"2025-03-31T21:13:43","slug":"so-wichtig-%e2%80%9ewie-der-prasident","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.littlevillage.de\/?p=109","title":{"rendered":"So wichtig \u201ewie der Pr\u00e4sident\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>10.10.2010<\/strong><\/p>\n<p>Als ich mich heute hingesetzt und \u00fcberlegt habe, wie ich anfangen soll, dachte ich, dass mir sowieso keiner glaubt, was ich heute erlebt habe. Ich kann es selber bis jetzt kaum realisieren\u2026<\/p>\n<p>Vor ein paar Tagen hatte ein Bekannter von mir, der als Technical Director f\u00fcr die Zimbabwe International Football Association (ZIFA) arbeitet, mir angeboten, mich zum Fu\u00dfballspiel der Nationalmannschaft Zimbabwe gegen die Nationalmannschaft Cape Verde (<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kap_Verde\" target=\"_blank\">Kapverdische Inseln<\/a>) am 10. Oktober mitzunehmen. Ich fand die Vorstellung, Fu\u00dfball in einem anderen Land zu erleben, ziemlich spannend und freute mich sehr auf diesen Tag.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Um zehn Uhr morgens holte Nelson mich mit seinem luxuri\u00f6sen, wei\u00dfen Mercedes ab. Alleine das Auto lie\u00df schon darauf schlie\u00dfen, dass er einiges an Einfluss hat. Nelson selbst hatte sich f\u00fcr den heutigen Tag schick gemacht, er trug einen grauen Nadelstreifenanzug, in dem er sehr gesch\u00e4ftig aussah. Gemeinsam fuhren wir zum National Sports Stadium.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/littlevillage.de\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/stadion.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-125\" title=\"stadion\" src=\"http:\/\/littlevillage.de\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/stadion-300x224.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"224\" \/><\/a>Von den Chinesen finanziert, \u00f6ffnete das National Sports Stadium 1987 seine T\u00fcren. Es ist das gr\u00f6\u00dfte Stadion in ganz Zimbabwe, bis zu 60 000 Menschen finden auf der riesigen Trib\u00fcne Platz. Die Preise f\u00fcr die Karten liegen zwischen 5 USD f\u00fcr die \u00e4rmeren Leute der Bev\u00f6lkerung und 50 f\u00fcr die VIP-Trib\u00fcne. Wenn man sich \u00fcberlegt, in welcher Preisklasse sich die Karten in deutschen Fu\u00dfballstadien bewegen, scheinen 5 USD zun\u00e4chst einmal ein echtes Schn\u00e4ppchen zu sein. Dass in einem Land, in dem Fu\u00dfball das Gr\u00f6\u00dfte ist, den Menschen die M\u00f6glichkeit geboten wird, f\u00fcr 5 USD ein Fu\u00dfballspiel der Nationalmannschaft anzuschauen, scheint ebenfalls \u00e4u\u00dferst zuvorkommend zu sein. Doch schnell wurde mir klar, welchen Preis die Menschen, die sich keine anderen Karten leisten k\u00f6nnen, wirklich f\u00fcr 90 Minuten Fu\u00dfballvergn\u00fcgen zahlen m\u00fcssen. Denn w\u00e4hrend die VIP-Trib\u00fcne den ganzen Tag im Schatten liegt, m\u00fcssen die Menschen \u201eauf den billigen Pl\u00e4tzen\u201c die ganze Zeit \u00fcber in der prallen Sonne sitzen. Kein Dach, keine Vorspr\u00fcnge, unter denen sie ein wenig Schutz vor der erbarmungslos vom Himmel brennenden Hitze finden k\u00f6nnten. F\u00fcr diese Menschen musste das Fu\u00dfballspiel einem Ausflug in die Sauna gleichgekommen sein.<\/p>\n<p>Als wir im Stadion ankamen, gr\u00fc\u00dfte Nelson nach allen Seiten, er schien einfach jeden zu kennen. Er stellte mich den Leuten vom Security-Team vor und brachte mich schlie\u00dflich zur VIP-Trib\u00fcne. Er bat mich, dort auf ihn zu warten, er selbst m\u00fcsse noch einmal zur\u00fcck ins Hotel, um letzte Dinge mit der Nationalmannschaft zu besprechen. Ich kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.<\/p>\n<p>Ich setzte mich auf einen der grauen, etwas klapprigen St\u00fchle, staunte \u00fcber das riesige Geb\u00e4ude, immerhin sah ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Fu\u00dfballstadium von innen. Um die G\u00e4ste auf das vorstehende Spiel einzustimmen, kickten bereits einige Nachwuchsteams auf dem Rasen, Musik schallte laut aus den Boxen. Der Rasen war von der Sonne v\u00f6llig verbrannt, die wei\u00dfen Spielfeldmarkierungen waren kaum zu erkennen. Ich verfolgte das Spiel und staunte \u00fcber das Talent der jungen Sportler. Die Jungen waren vielleicht zwischen 12 und 15 Jahren alt, doch spielten sie mit einer solchen Leidenschaft, zeigten einen solchen Einsatz, dass sie damit manche andere erfolgreiche Fu\u00dfballmannschaft in den Schatten gestellt h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Als schlie\u00dflich die Nationalmannschaften gegeneinander antraten, war ich ein wenig entt\u00e4uscht. Mehrmals verpassten die einheimischen Spieler einige wirklich gute Torchancen. Die Menschen auf der Trib\u00fcne wurden immer unruhiger, sie \u00e4rgerten sich, die Stimmung im Stadion war auf einem Tiefpunkt angekommen. Ich hatte erwartet, dass die Menschen in Afrika bei einem Fu\u00dfballspiel vor Euphorie halbwegs ausrasten w\u00fcrden, doch ging es hier eher ruhig zu. Das Einzige, was konstant durch das Stadion hallte, war die Musik der Blaskapelle, die unerm\u00fcdlich die gleiche Melodie wiederholte. Einige Menschen lie\u00dfen sich von der Leistung der Mannschaft, f\u00fcr die sie gekommen waren, nicht entmutigen, sie tanzten zu der Musik, zogen ihre T-Shirts aus, wedelten damit \u00fcber ihren K\u00f6pfen, um die Spieler anzufeuern.<\/p>\n<p>Erst in der zweiten Halbzeit, es stand immer noch 0:0, kamen die Spieler ein wenig in Fahrt, und mit ihnen das Publikum. Die Menschen feuerten lautstark die Mannschaften an, pfiffen, gr\u00f6lten, das laute Tuten der Vuvuzelas bet\u00e4ubte meine Ohren. Doch es half alles nichts: Nach mehreren Minuten Verl\u00e4ngerung trennten sich die beiden Mannschaften 0:0.<\/p>\n<p>Mit dem Ende des Fu\u00dfballspiels begann f\u00fcr mich der eigentlich interessante Teil des heutigen Tages. Nelson, der die ganze Zeit neben den \u201every very important people\u201c \u2013 wie er es nannte, gesessen hatte, winkte mich zu sich. Er fasste mich am Arm und zog mich mit sich hinunter zum Spielfeld, schleuste mich an den Sicherheitsleuten vorbei, rauf aufs Spielfeld. Da stand ich nun also mitten unter den Nationalspielern, ich konnte es kaum glauben. Fasziniert sah ich mich um. Die Trib\u00fcne war noch gut besetzt, einige Fans hingen \u00fcber der Balustrade und versuchten, an die Spieler heranzukommen, um ein Autogramm oder wenigstens einen fl\u00fcchtigen Blick auf ihre Idole zu ergattern.<\/p>\n<p>Zusammen mit den Spielern gingen Nelson und ich auf den Ausgang zu. <a href=\"http:\/\/littlevillage.de\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/fussball1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-129\" title=\"fussball\" src=\"http:\/\/littlevillage.de\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/fussball1-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" \/><\/a>Finster dreinschauende Polizisten mit Helmen\u00a0und Schlagst\u00f6cken musterten mich misstrauisch. Ich f\u00fchlte mich beobachtet, irgendwie fehl am Platz, doch ich trottete einfach immer weiter Nelson hinterher, direkt auf die Mannschaftskabinen zu. Kurz bevor wir in der Halle verschwanden, schaute ich nach oben. Dort standen die Fans, sie gr\u00f6lten um die Wette, versuchten die Aufmerksamkeit der Spieler zu wecken. Als sie mich sahen, lachten sie, zeigten mit den Daumen nach oben. Ich versuchte mir die Bedeutung der Situation zu vergegenw\u00e4rtigen, in der ich mich gerade befand. Ich stellte mir vor, wie es w\u00e4re, mit der deutschen National 11 gemeinsam \u00fcber den Platz zu laufen und in der Halle zu verschwinden, ich konnte es immer noch nicht fassen.<\/p>\n<p>Ein paar Minuten sp\u00e4ter sa\u00df ich auf der R\u00fcckbank von Nelsons wei\u00dfem Mercedes, das Management der Nationalmannschaft von Cape Verde neben mir. Ich f\u00fchlte mich merkw\u00fcrdig zwischen so viel Prominenz, rutschte auf dem Sitz hin und her, versuchte, der Vize-Direktorin und dem Manager rechts und links von mir so viel Platz wie m\u00f6glich zu machen.<\/p>\n<p>\u201eJetzt kommen wir zum besten Teil der Veranstaltung\u201c, hatte Nelson zuvor angek\u00fcndigt, als wir zu seinem Wagen gingen. Ich hatte keine Ahnung, was er damit meinte. Das \u00e4nderte sich nun, als ich mit all den wichtigen Pers\u00f6nlichkeiten im Wagen sa\u00df. Wir w\u00fcrden die Mannschaften via Polizeieskorte zum Hotel begleiten! \u201eEine Eskorte wie f\u00fcr den Pr\u00e4sidenten\u201c, sagte Nelson und grinste mich an.<\/p>\n<p>Die ersten Autos vor uns setzten sich in Bewegung, mir fielen sofort die wei\u00dfen Nummernschilder auf, die die Insassen des Wagens als Diplomaten auswiesen. Die Polizei fuhr vorweg, weitere Polizeiwagen schlossen sich der Autokolonne an, direkt hinter uns fuhren die Mannschaftsbusse. An den Stra\u00dfenr\u00e4ndern standen hunderte Fans, sie jubelten, schwenkten die Flagge von Zimbabwe durch die Luft. Neugierig schauten sie in die vorbeifahrenden Autos. Als sie mich sahen, jubelten sie, wieder l\u00e4chelten sie mir zu, streckten die Daumen in die Luft. Ich bekam eine vage Vorstellung davon, wie Stars sich f\u00fchlen m\u00fcssen. Nur zu gerne h\u00e4tte ich ein Foto gemacht, doch ich traute mich nicht. Auf der Seite des Ausw\u00e4rtigen Amtes hatte ich gelesen, dass man sich von Regierungsvertretern, Milit\u00e4r und Polizei fern halten sollte, an Fotos war da nicht zu denken.<\/p>\n<p>Zwei Polizeiwagen rasten mit hoher Geschwindigkeit, Blaulicht und Sirene an uns vorbei, sicherten eine Kreuzung ab. Mit unverminderter Geschwindigkeit fuhren wir auf die Kreuzung zu, die Ampel zeigte rot, doch die Kolonne fuhr ungehindert weiter, \u00fcberquerte die Kreuzung, alle anderen Autofahrer mussten warten. So verlief die ganze Fahrt, quer durch die Innenstadt, bis wir vor dem Hotel der Nationalmannschaft von Cape Verde ankamen.<\/p>\n<p>Nelson hatte angek\u00fcndigt, dass er das Management der Mannschaft im Hotel absetzen und mich dann nach Hause fahren w\u00fcrde, doch daraus wurde vorerst nichts. Der Torwart hatte sich w\u00e4hrend des Spiels eine \u00fcble Verletzung zugezogen, als ihm ein Spieler der gegnerischen Mannschaft mit voller Wucht in die Magenkuhle getreten hatte. Der junge Mann stand vor dem Hotel, das Trikot hochgezogen. Er presste eine Hand auf die rechte Seite, sein Gesicht war schmerzverzerrt. Nelson handelte sofort, er nahm den Spieler vorsichtig am Arm und f\u00fchrte ihn zu seinem Wagen, um ihn ins Krankenhaus zu bringen. Mich lie\u00df er mit dem Management und den restlichen Spielern im Hotel zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Ein wenig \u00fcberrumpelt stand ich auf dem Vorplatz des Hotels, wusste nicht so recht, an wen oder wohin ich mich wenden sollte. Die Spieler sa\u00dfen noch im Tourbus, sie klopften an die Scheiben, grinsten, winkten mir zu. Was war mir die Situation peinlich! Ich merkte, wie mir das Blut in den Kopf schoss (ja, ich wei\u00df, nichts Neues *g*) und war froh, als mich die Vize-Direktorin der Mannschaft zu sich winkte. Gemeinsam gingen wir ins Hotel und setzten uns mit dem Coach der Mannschaft an den Empfang. Noch immer kam mir meine Lage denkbar unwirklich vor. Da sa\u00df ich nun also mit der F\u00fchrungsliga einer Nationalmannschaft am Tisch und plauderte \u00fcber belanglose Dinge. Alle waren sehr nett, weigerten sich, mich in der Hotellobby allein warten zu lassen. Noch einmal versuchte ich mir vorzustellen, wie es w\u00e4re, mit Jogi L\u00f6w und seinem Team am Tisch zu sitzen, doch ich verschob diesen Gedanken wieder, das alles war immer noch viel zu unwirklich.<\/p>\n<p>Nelson bestand darauf, mich pers\u00f6nlich bei James und seiner Familie an der T\u00fcr abliefern. Er wolle seine Pflichten als Babysitter voll erf\u00fcllen, sagte er. Als ich James und seine Frau sah, sprudelte es auf einmal aus mir heraus, wie toll der Tag war, wie viel Spa\u00df ich hatte und dass ich \u201ewie der Pr\u00e4sident\u201c mit einer Polizeieskorte durch die Stadt gefahren war, ich kam aus dem Schw\u00e4rmen gar nicht mehr heraus. Nelson sah zufrieden auf mich herab, er schien sich zu freuen, dass mir der Tag im Stadion so sehr gefallen hatte. Auch wenn das Fu\u00dfballspiel selbst ein wenig unspektakul\u00e4r war, diesen au\u00dfergew\u00f6hnlichen Tag werde ich mit Sicherheit so schnell nicht vergessen! \ud83d\ude42<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>10.10.2010 Als ich mich heute hingesetzt und \u00fcberlegt habe, wie ich anfangen soll, dachte ich, dass mir sowieso keiner glaubt, was ich heute erlebt habe. 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