{"id":199,"date":"2010-10-18T07:44:05","date_gmt":"2010-10-18T06:44:05","guid":{"rendered":"http:\/\/littlevillage.de\/?p=199"},"modified":"2025-03-31T22:13:29","modified_gmt":"2025-03-31T21:13:29","slug":"it%c2%b4s-lunchtime","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.littlevillage.de\/?p=199","title":{"rendered":"It\u00b4s Lunchtime"},"content":{"rendered":"<p>Die ersten Arbeitstage im Goethe-Zentrum verliefen ruhig und entspannt. Claire, Samantha, Mr. Collins, Timothy, Eva und Roberta, die Leiterin, hatten mich sehr herzlich in ihr kleines Team aufgenommen, ich f\u00fchlte mich willkommen. Vor allem mit Samantha und Claire kam ich gut zurecht. Bereits in der ersten Woche bot mir Samantha, 23, aufgeweckte, fr\u00f6hliche Augen, an, mich einmal zu sich nach Hause mitzunehmen. Sie wollte mich ihrer Familie vorstellen, zeigen, wie die Menschen hier in den rural areas (Wohngebiete der Einheimischen) wirklich leben. Wenn ich Lust h\u00e4tte, k\u00f6nnte ich auch sonntags mit ihr und ihren Freunden in die Kirche gehen, sagte sie.<!--more--><\/p>\n<p>Dass die Kirche f\u00fcr die Menschen hier in Zimbabwe einen hohen Stellenwert einnimmt, war mir bereits aufgefallen. Am Stra\u00dfenrand, in der Innenstadt, auf Feldern, egal, wo man hinguckte, \u00fcberall hockten oder standen Menschen im Kreis, hielten Gesangsb\u00fccher in den H\u00e4nden, lauschten den Worten eines Predigers. Die Vorstellung mit Samantha in die Kirche zu gehen, weckte meine Neugierde. Bestimmt w\u00e4re das eine tolle Erfahrung, ging es mir durch den Kopf. Andererseits hatte Samantha mich vorgewarnt: Ich m\u00fcsse mich darauf gefasst machen, die einzige Wei\u00dfe unter hunderten von Schwarzen zu sein, sagte sie.<\/p>\n<p>Claire, die Sekret\u00e4rin von Roberta, hatte ganz andere Pl\u00e4ne mit mir. Bereits in der ersten Woche hatte sie sich in den Kopf gesetzt, mich p\u00fcnktlich zur \u201elunch time\u201c (Mittagspause) um 13 Uhr vom Computer wegzuholen und mich an den Esstisch zu bekommen. Sie war der Meinung, dass ich viel zu viel arbeiten und zu wenig essen w\u00fcrde, versuchte mir t\u00e4glich Essen aufzudr\u00e4ngen. Dabei brachte ich jeden Tag mein eigenes Lunchpaket zur Arbeit mit. Das ist zu wenig, sagte Claire bestimmt, ich m\u00fcsse ordentlich zu Mittag essen. \u201eDu musst mehr essen, du musst zunehmen\u201c, sagte sie, schob mir ihren Teller hin. Ich naschte ein wenig von der Sadza, probierte das Gem\u00fcse, ein gr\u00fcner, \u00f6liger Haufen undefinierbarer Art.<\/p>\n<p>Die Mittagspause ist den Angestellten im Goethe-Zentrum heilig. P\u00fcnktlich um 13 Uhr lassen alle ihre Arbeit stehen und liegen, um sich in der K\u00fcche ihr Mittagessen zu kochen, das an vier von f\u00fcnf Tagen aus Sadza und vor Fett triefendem H\u00fchnchen besteht. Meistens ist es Samantha, die sich an den Herd stellt und f\u00fcr alle kocht, Claire behauptet von sich selbst, keine gute K\u00f6chin zu sein. Daf\u00fcr sei sie eine gute Esserin, das sei wohl kaum zu \u00fcbersehen, sagte sie.<\/p>\n<p>Wenn das Essen fertig ist, versammeln sich alle um den gro\u00dfen, schweren Holztisch, der in der Mitte der B\u00fccherei steht. Timothy, ein ruhiger, eher zur\u00fcckhaltender Schwarzer, schaltet den Fernseher in der Ecke ein, er darf seine Lieblingssendung auf Kanal 2 nicht verpassen, darauf besteht er. Dann widmen sich alle laut schmatzend ihrer Sadza, mit den blo\u00dfen H\u00e4nden entfernen sie das H\u00fchnchenfleisch von den Knochen, stopfen es sich zusammen mit der Sadza und dem Gem\u00fcse in den Mund, gen\u00fcsslich lutschten sie sich die Finger sauber.<\/p>\n<p>Als ich Samantha und den anderen zum ersten Mal beim Essen Gesellschaft leistete, musste ich mich an den Anblick und die Ger\u00e4usche erst noch gew\u00f6hnen. Samantha sa\u00df neben mir, nagte an ihrem H\u00fchnchenknochen, an dem schon fast kein Fleisch mehr vorhanden war, zumindest keins, was ich freiwillig noch gegessen h\u00e4tte. Doch sie knabberte so lange daran herum, bis nichts mehr von dem H\u00fchnchen \u00fcbrig war als der blanke Knochen. Beim Kauen knackte es laut in ihrem Mund, offenbar kaute sie gerade auf dem Knorpel herum, bei der Vorstellung sch\u00fcttelte es mich. Ich fragte mich, wie Claire und die anderen wohl reagieren w\u00fcrden, wenn ich tats\u00e4chlich einmal gemeinsam mit ihnen zu Mittag essen sollte, den ganzen Glibber- und Knorpelkram aber liegen lassen w\u00fcrde. Sie w\u00fcrden das sicher f\u00fcr pure Verschwendung halten. Doch die Vorstellung, auf Knochen rumzukauen, fand ich ebenso befremdlich.<\/p>\n<p>Nach und nach fand ich Gefallen an der \u201eLunchtime\u201c, zwar brachte ich immer noch mein eigenes Essen mit (die fettige Kost war mir bei den Temperaturen einfach zu viel), aber es war nett, mit den anderen zusammen zu sitzen und ein wenig zu plaudern. Claire gab nicht auf, sie war noch nicht zufrieden mit der Situation, sie wollte unbedingt, dass ich etwas esse. Also ordnete sie an, dass wir ab sofort jeden Morgen gemeinsam \u00fcberlegen sollten, was wir an dem jeweiligen Tag essen wollen. Anschlie\u00dfend sollte Mr. Collins zum Supermarkt fahren, die Zutaten kaufen, die Kosten w\u00fcrden wir dann teilen. Zufrieden l\u00e4chelte sie mich an, f\u00fcr sie war der Plan beschlossene Sache, Widerspruch zwecklos.<\/p>\n<p>\ufeff<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die ersten Arbeitstage im Goethe-Zentrum verliefen ruhig und entspannt. 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