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Okt
04

Auto fahren in Harare

25.09.2010

Mir graute vor dem Rückweg. Es war die erste längere Tour durch Harare, die ich vor mir hatte, allein. Als Fahranfänger in Harare fühlte ich mich im Straßenverkehr noch nicht besonders sicher. An den Linksverkehr hatte ich mich relativ schnell gewöhnt, doch die nicht vorhandenen Vorfahrtsregeln an den meist unübersichtlichen Kreuzungen bereiteten mir Probleme. Auch auf die Ampeln kann man sich nicht verlassen, entweder sieht man sie zu spät, weil sie anders als in Deutschland auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen, oder sie funktionieren gar nicht erst. In dem Fall wird es richtig interessant.

Wenn man gezwungen ist, in Harare Auto zu fahren, merkt man schnell, wie gut es Autofahrer in Deutschland eigentlich haben. Funktionierende Ampeln, klare Vorfahrtsregeln an Kreuzungen und Zebrastreifen, Schilder und Fahrbahnmarkierungen, die einem den Weg weisen. Das alles gibt es in Harare zwar auch, allerdings mit Einschränkungen.

Das erste, was ich lernte, war, dass Fußgänger und Radfahrer keine Rechte haben, weder an Zebrastreifen noch sonst irgendwo. An Kreuzungen gilt das Gesetz des Stärkeren. Wer abwartet, kommt nicht voran. Am besten hält man sich an unbesorgte Autofahrer, die sich in den Verkehr „drücken“, wie Thomas es nennt. Wenn man in ihrem Windschatten fährt, sei man auf der sicheren Seite, sagte er.

Ich hatte Thomas in die Stadt gefahren, er wollte ein paar Sachen erledigen. Die Fahrt in die Stadt war kein Problem, Thomas saß ja neben mir. Er leitete mich durch den Verkehr, machte mich auf Schlaglöcher und gefährliche Kreuzungen aufmerksam.

Schon auf dem Weg in die Stadt waren wir an einer Kreuzung vorbeigekommen, an der eine große Baustelle den Verkehr behinderte. Die Kreuzung befand sich in Höhe des Armenviertels der Stadt. „Hier wohnen die Ärmsten der Armen“, hatte Thomas gesagt, als wir an dem bunten Treiben vorbeifuhren. Es war noch früh am Morgen, die Sonne stand schon hoch am Himmel, auf einem Platz neben der Kreuzung fand ein großer Basar statt. Es war unglaublich viel los, bunte Planen flatterten lose im Wind, Bauern hatten ihre Waren auf dem Boden ausgebreitet, Orangen lagen neben Bananen, Reis und bunten Stoffen. Menschen strömten aus allen Richtungen auf den Basar, mein Interesse war sofort geweckt. Doch Thomas riet mir von einem Besuch des Basars ab, für Weiße sei es hier zu gefährlich, die Gefahr, überfallen zu werden, viel zu groß.

Genau dieser Kreuzung näherte ich mich nun also, als ich auf dem Rückweg aus der Stadt war. Schon von weitem erkannte ich, dass irgendetwas nicht stimmte. Der Verkehr geriet ins Stocken, Autofahrer um mich herum schalteten ihr Warnblinklicht ein. Willkommen im größten Verkehrschaos meines Lebens! Die Ampeln an der Kreuzung waren in der Zwischenzeit ausgefallen, die Arbeiter auf der Baustelle störte das wenig, sie schlugen unbeirrt mit ihren Spitzhacken auf den Asphalt ein, der Schweiß lief ihnen den Rücken hinunter, dunkle Flecken breiteten sich auf ihren T-Shirts aus.

Ohne es zu wissen, war ich direkt in den Stau hinein gefahren. Die Autos standen dicht an dicht, wie eine Perlenkette. Menschen gingen zwischen den Autos hindurch, um auf den Basar zu kommen. Viele schauten neugierig in meinen Wagen, grinsten, stießen sich gegenseitig an, zeigten auf die Weiße im Auto. Sie lachten. Ich war nervös, hatte kein gutes Gefühl. Da stand ich nun also mitten in einem unglaublichen Stau, nichts ging mehr, und neben mir das Armenviertel der Stadt. Vorsichtshalber machte ich meine Fenster zu, verriegelte von innen die Tür.

Langsam schob sich der Verkehr voran und quetschte sich über die Kreuzung. Als ich an der Kreuzung ankam, hatte ich keine Chance, es gab kein Vor, kein Zurück. Die Autos strömten von allen Seiten auf die Mitte zu, alle wollten sich zuerst durch den Verkehr „drücken“. Dadurch hatte sich ein einziges Knäuel an Autos gebildet. Die Autos standen kreuz und quer, nahmen sich gegenseitig die Möglichkeit, sich auch nur einen Zentimeter fortzubewegen. Weit und breit kein Polizist, der das Chaos hätte dirigieren können. Und so versuchte sich jeder  in den Verkehr zu drängeln, mich eingeschlossen. Irgendwann stand ich mitten auf der Kreuzung, links und rechts eingekeilt von Fahrzeugen. Die Autos standen dicht an dicht, es war so eng, ich konnte noch nicht einmal die Tür öffnen.

Normalerweise hätte ich geradeaus fahren müssen, doch daran war nicht mehr zu denken, der Durchgang war abgeschnitten, ich konnte froh sein, wenn ich überhaupt einen Weg aus diesem Chaos finden würde. Wütende Afrikaner lehnten sich aus dem Autofenster, hupten, beschimpften sich gegenseitig. Für einen der Männer war ich wohl das Problem, wild gestikulierend machte er mir zu verstehen, ich solle den Weg frei machen. Doch wo sollte ich hin? Die anderen Autofahrer waren mir direkt hinterher gefahren, ich konnte in keine Richtung ausweichen.

Irgendwann tat sich eine Lücke auf, jetzt oder nie, dachte ich und fuhr langsam an. Zur gleichen Zeit setzte sich ein weißer Kleinbus links von mir in Bewegung. Ein Commuter-Bus, das hatte mir gerade noch gefehlt. Der Bus war voll besetzt, bis zu 30 Schwarze hatten sich in das enge Fahrzeug gequetscht. Der Commuter-Bus wollte vor mir rechts abbiegen, ich erinnerte mich gerade daran, dass mich Thomas vor eben diesen Bussen gewarnt hatte, da knallte der Bus in meinen linken Kotflügel. Es krachte laut, ich trat heftig auf die Bremse, meine Beine zitterten. Ich wartete, rechnete damit, dass jetzt jemand aus dem Bus aussteigen, mich beschimpfen würde, doch nichts passierte. Ich trat aufs Gaspedal, fuhr durch eine Lücke in der Autokolonne, mitten hinein ins Armenviertel.

Im Armenviertel staute sich der Verkehr erneut. Ich war immer noch total aufgeregt, mein Herz klopfte wild, mein Kopf glühte, ich hatte die Fenster noch immer geschlossen. Die Sonne brannte aufs Autodach, meine Wasserflasche war schon lange leer. Ich hatte keine Ahnung, wo ich war, ich wusste nur, dass dies eine Gegend war, wo ich alleine besser nicht lang fahren sollte. So schnell wie möglich versuchte ich, die Hauptstraße zu finden, die Landkarte im Auto war mir keine große Hilfe, es gab so gut wie keine Straßenschilder, an denen ich mich hätte orientieren können.

Um die Sache abzukürzen: Es dauerte etwa eineinhalb Stunden, bis ich wieder einigermaßen eine Orientierung hatte. Durchgeschwitzt und mit den Nerven völlig am Ende fuhr ich auf unseren Hof. Ich stieg aus, rannte um das Auto herum, suchte nach dem Schaden, den der Commuter-Bus beim Zusammenstoß verursacht hatte. Glücklicherweise war dort nur eine kleine Schramme, der Lack war an ein paar Stellen ab, dort klebte die weiße Farbe des Commuter-Busses. Ich atmete auf, ich hatte Schlimmeres befürchtet. Trotzdem war der Tag für mich gelaufen.