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Okt
04

James

Nachdem wir alle Besorgungen am ersten Tag erledigt hatten und meine Müdigkeit den absoluten Höhepunkt erreicht hatte, fuhren wir zum Wohnsitz von Thomas, in einer besseren Gegend von Harare. Ich war schon ziemlich gespannt auf das Haus, vor allem aber war ich gespannt darauf, den Gärtner und seine Familie kennen zu lernen, die gemeinsam mit uns auf dem Grundstück leben würden.

Als Thomas mit einer Fernbedienung das große, grüne, eiserne Tor öffnete und wir auf den riesigen Hof fuhren, war ich schon ziemlich beeindruckt. Wir fuhren auf die weiße Garage zu, parkten das Auto und stiegen aus. Vor der Garage stand ein großer, dünner Mann von eher schlaksiger Gestalt. Er trug einen blauen Arbeitsanzug und eine beige Schirmmütze, trat von einem Fuß auf den anderen und rieb die ganze Zeit die Handflächen aneinander. Mit vorgebeugter, fast schon unterwürfiger Haltung kam er auf uns zu und stellte sich mir ironischerweise mit dem Namen „James“ vor. Das war er also, James, der Gärtner und mein zukünftiger Ansprechpartner Nummer eins, nach Thomas natürlich.

James, 34, ist ein sehr fleißiger Arbeiter, der  mit allem, was er tut, gefallen will. Es sei schon vorgekommen, dass James morgens um halb acht angefangen hat, die Einfahrt zu fegen, erzählte mir Thomas. Irgendwann habe er ihn in seinem Arbeitseifer bremsen müssen. Dass James sich so engagiert um Haus und Hof kümmert, hat einen einfachen Grund: James ist dankbar. Dankbar dafür, dass Thomas ihn von seinem alten Arbeitgeber weggeholt hat, dankbar dafür, dass Thomas ihm ein Leben bietet, das er so vorher nicht kannte.

Bevor Thomas nach Harare kam, hatte James für einen Mann gearbeitet, der ihm für seine Dienste als Gärtner gerade einmal 50 USD im Monat zahlte. Ein Witz, wenn man bedenkt, dass er alleine für das Schulgeld seiner acht Jahre alten Tochter 90 USD jeden Monat aufbringen muss.

Als Unterkunft diente James, seiner Frau und seinen beiden Kindern eine Art Verschlag, der bei uns in Deutschland genauso gut als Stall für Ziegen oder Hühner durchgehen könnte. Die ganze Familie musste sich ein kleines Zimmer teilen, es war nur Platz für ein Bett, die Kinder mussten auf dem Boden schlafen, der Esstisch stand unter freiem Himmel, draußen vor der Tür. Das Badezimmer bestand aus einer Dusche und einer Kloschlüssel, die in einem so heruntergekommen Zustand war, dass man eher ein Gebüsch vorziehen würde, um sein Geschäft zu verrichten. Überall blätterte die Farbe von den Wanden, Schimmel hatte sich ausgebreitet, ein Zustand, den man sich nur schwer vorstellen kann, wenn man es nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Hier lebte James also und stellte trotzdem keine Ansprüche. Er hielt den Garten sauber, kümmerte sich jeden Tag um die Pflanzen, pflegte sie, gab ihnen Wasser, er beschwerte sich nie.

Als Thomas vorübergehend in jenes Haus einzog (das andere Haus war noch nicht frei), sah er die unmenschlichen Zustände, unter denen James und seine Familie leben mussten. Er sah auch, dass James ein eifriger und guter Arbeiter ist, der den Garten perfekt im Griff hatte und auf den man sich verlassen konnte. Thomas wollte diesen und keinen anderen Gärtner für sein neues Haus haben. Also ging er zu James und machte ihm ein Angebot, das dieser kaum ablehnen konnte: 170 USD im Monat, dazu ein ordentliches Haus mit drei Zimmern, genug Platz für ein Esszimmer, ein Schlafzimmer für ihn und seine Frau, ein Kinderzimmer, ein separates Badezimmer, Waschraum und Küche. James muss sich gefühlt haben wie ein Kind an Weihnachten.