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Okt
11

Alle Reparatur ist schwer

30.09.2010

In den folgenden Tagen durfte ich den „way of life“ der Leute hier in Harare endgültig am eigenen Leib kennen lernen. Die Sache mit meinem Auto hatte mich bereits ziemlich aufgeregt. Heute sollten nun also endlich alle Reparaturen abgeschlossen werden. Zumindest hatte Viola mir das am Abend zuvor am Telefon versichert. Doch als ich an diesem Morgen ihr Büro betrat, stellte ich fest, dass sie die nötigen Ersatzteile für den Wagen noch nicht einmal gekauft hatte.Mittlerweile hatte ich aufgehört zu zählen, wie oft Viola mich in den letzten Tagen in ihr Büro bestellt hatte. Es war wirklich kaum auszuhalten: Da zahlte ich 20 USD am Tag für einen Wagen, den ich aber gar nicht nutzen konnte, weil er a) in einem kaum zumutbaren Zustand war und b) entsprechend die meiste Zeit der Woche bei Viola in der Werkstatt stand, zwecks angeblicher Reparatur.

Ich solle mir keine Sorgen machen, sagte Viola, heute würde das Auto ganz bestimmt fertig werden. Ich wollte, konnte das nicht so recht glauben. Frances, ein Autohändler, der mit Viola zusammenarbeitet, mischte sich ein. Er hatte mitbekommen, was ich für Probleme mit dem Auto hatte, nun fühlte er sich offenbar dazu berufen, mir zu helfen. Ich kannte Frances vom Sehen, hatte ihn schon ein paar Mal bei Viola im Büro angetroffen. Ich schätzte ihn auf Ende Vierzig, seine Bartstoppeln und seine Haare, die unter seinem Hut hervorlugten, waren an vielen Stellen bereits grau. Frances erklärte sich bereit, mich nach Hause zu fahren und mein Auto danach in Violas Werkstatt zu bringen.

Frances legt großen Wert darauf, sich von den Arbeitern um sich herum abzugrenzen, das verrät allein schon seine Kleidung. Genau wie Viola achtet auch er sehr auf seine optische Erscheinung, ist immer ordentlich gekleidet, mit Hut, Anzug, Hemd oder Pullunder. Bei jeder Gelegenheit versucht er, den tüchtigen und seriösen Geschäftspartner heraushängen zu lassen, beschwert sich über Violas Angestellten, die er alle für furchtbar „uneducated“ (ungebildet), unfähig und unzuverlässig hält. Etwas, das man von ihm nicht behaupten könnte, natürlich nicht. Seine überhebliche Art machte ihn mir anfangs ziemlich unsympathisch, ich mochte ihn nicht.

Während der Fahrt stellte ich fest, dass ich mich in Frances getäuscht hatte. Tatsächlich war er sehr hilfsbereit und verfügte über ein erstaunliches, historisches Wissen. Er schmetterte mir Jahreszahlen aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg um die Ohren, ließ sich schließlich zu Lobpreisungen über Hitler hinreißen. Als er meinen entsetzten Gesichtsausdruck sah, ruderte er schnell zurück. Ich solle das bitte nicht falsch verstehen, sagte er. Natürlich könne er die Vernichtung von sechs Millionen Juden nicht gut heißen, aber man müsse sich das doch mal überlegen, was Hitler alles erreicht hätte, und das in so kurzer Zeit. Dazu wollte ich nun wirklich nichts sagen.

Als Frances merkte, dass ich seine Bewunderung für Hitlers Machenschaften offenbar nicht teilte, wechselte er schnell das Thema, fing an, sich über mein Auto („a really bad car“ – ein wirklich schlechtes Auto) aufzuregen. Er fragte, was Viola bereits alles repariert hatte und was noch alles gemacht werden musste. Er probierte die Scheibenwischer aus, betätigte die Blinker, drückte auf die Hupe, testete die elektrischen Fensterheber, als ob er sich selbst von dem schlechten Zustand des Wagens überzeugen müsste. Als er hörte, wie viel Geld ich Viola für das Auto gegeben hatte, kniff er die Augen zusammen, verzog missmutig den Mund. „Ich glaube, sie haben dich ganz schön verarscht“, sagte er. Das Auto sei eine einzige Schrottkiste, ich wäre besser beraten gewesen, hätte ich mich bei der Suche nach einem Auto gleich an ihn gewendet, sagte er, dann hätte ich diese Probleme jetzt nicht gehabt. Es klang ein wenig beleidigt.

Die ganze Fahrt über versuchte Frances mich davon zu überzeugen, das Geschäft mit Viola rückgängig zu machen. 1800 USD für so ein kaputtes Auto, das ist einfach zu viel, sagte er. Es wäre das Beste, Viola würde mir mein Geld wiedergeben. Für das Geld könne er mir dann auch ein Auto anbieten, ein weitaus besseres Auto, versteht sich. Immerhin wisse er genau, worauf es Weißen bei einem Auto ankommen würde, versicherte er mir. Auf jeden Fall bräuchte ich eine Klimaanlage, so viel stehe fest. Für mich als Europäer sei es hier in Harare schließlich viel zu heiß. Zugeben, über eine funktionierende Klimaanlage hätte ich mich gefreut, doch setzten mir die Temperaturen doch nicht so sehr zu, als dass ich das Gefühl gehabt hätte, auf der Stelle zu kollabieren. Doch so wie Frances die Lage darstellte, schien ich als Deutsche in Harare ohne Klimaanlage praktisch keine Überlebenschancen zu haben.

Schließlich bogen wir in unsere Straße ein, Frances fuhr langsamer, setzte mich direkt vor der Haustür ab. Er war noch immer völlig außer sich über den Zustand meines Autos, sagte, dass er sich persönlich darum kümmern werde, dass heute endlich alles repariert werden würde. „Ich werde Viola sagen, dass du ein ordentliches Auto brauchst“, sagte er. Dann fuhr er los, und für mich begann das Warten.

Ich wartete und wartete, zwei Stunden, drei Stunden, vier Stunden, nichts passierte. Mein Handy blieb still, keine SMS, kein Anruf, niemand klingelte an der Tür, um mir mein Auto zu bringen. Kurz vor Feierabend, es war zehn Minuten vor 17 Uhr, klingelte schließlich mein Handy, Viola. Ich ahnte schon, was jetzt kommen würde. Es tue ihr sehr Leid, sagte sie, aber das Auto sei noch nicht fertig. Mit dieser Ansage hatte ich irgendwie gerechnet. Sie fragte mich, ob sie das Auto in ihrer Werkstatt behalten oder sie jemanden mit dem Wagen zu mir schicken solle. Da ich das Auto nicht dringend brauchte, entschied ich mich, das Auto bis zum nächsten Tag bei ihr auf dem Hof zu lassen.

Der nächste Tag begann wie der letzte: mit Warten. Im Laufe des Vormittags sollte mir jemand das Auto bringen, zumindest hatte Viola das am Abend zuvor gesagt. Wieder wartete ich den ganzen Tag, ohne dass etwas passiert wäre. Gegen 18 Uhr – ich hatte schon gar nicht mehr damit gerechnet – klingelte es schließlich draußen am Tor. Ich drückte den Knopf auf der Gegensprechanlage, um das Tor zu öffnen, lief nach draußen, dem Auto entgegen.

Etwas verwundert stellte ich fest, dass gleich zwei junge Männer in „meinem“ Auto saßen, Violas Söhne. Ich konnte mir beim besten Willen nicht erklären, wieso mir ausgerechnet Violas Söhne das Auto brachten, aber ich fragte nicht weiter nach, war froh, dass das Auto überhaupt wieder auf dem Hof stand. Die beiden Männer machten keine Anstalten, aus dem Auto auszusteigen. Richtig, ich musste sie ja wieder nach Hause fahren. Ich setzte mich auf den Rücksitz, einer der beiden Männer drehte sich zu mir um, grinste breit. Das Auto ist repariert, sagte er. Davon musste ich mich erst einmal selbst überzeugen. Und wirklich: Die Hupe funktionierte wieder, der Scheibenwischer auch. DER Scheibenwischer? Ich schaute noch einmal hin, konnte es kaum glauben, Violas Angestellten hatten mir tatsächlich nur einen Scheibenwischer angebaut. Angesichts der bevorstehenden Regenzeit schien mir dieser eine Scheibenwischer kaum geeignet, die herabprasselnden Wassermassen zu bewältigen.

Als ich mich weiter im Auto umsah, bemerkte ich, dass auch der zweite Gurt auf der Beifahrerseite noch immer fehlte. Ich machte Violas Söhne darauf aufmerksam, doch die grinsten sich nur an. Die Fahrt zu Violas Haus verlief sehr schweigsam. Der jüngere ihrer beiden Söhne wechselte kein einziges Wort mit mir, der andere ließ sich wenigstens dazu herab, ein paar Höflichkeiten mit mir auszutauschen. Die Fahrt zog sich unglaublich in die Länge, mittlerweile wurde es draußen dunkel. Wir fuhren eine Strecke, die ich vorher noch nie gefahren war. Ich versuchte mir jedes Straßenschild, jede Kreuzung genau einzuprägen, ich wollte mich auf dem Rückweg auf keinen Fall verfahren.

Nach einer gefühlten Stunde kamen wir endlich vor Violas Haus an. Eine riesige, gelbe Mauer umzäunte das Grundstück, von dem Haus selbst konnte ich nichts sehen. Violas Söhne stiegen aus, verabschiedeten sich knapp von mir, fragten, ob ich den Weg zurück finden würde, dann verschwanden sie hinter dem großen, eisernen Tor.

Eigentlich sollte man meinen, dass mich nach den ganzen Quereleien um das Auto nichts mehr wirklich schockieren könnte, doch als ich mich nun hinter das Steuer setzte, erwartete mich die nächste und für den heutigen Tag letzte Überraschung: Der Tank war bis auf den letzten Tropfen leer, dabei hatte ich das Auto fast voll getankt bei Viola abgegeben! Offenbar waren ihre Angestellten oder ihre Söhne während der ganzen Zeit, in der ich Viola das Auto anvertraut hatte, damit durch die Gegend gefahren. Kein Wunder, dass dabei keine Zeit geblieben ist, den Wagen vollständig zu reparieren.