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Okt
11

So wichtig „wie der Präsident“

10.10.2010

Als ich mich heute hingesetzt und überlegt habe, wie ich anfangen soll, dachte ich, dass mir sowieso keiner glaubt, was ich heute erlebt habe. Ich kann es selber bis jetzt kaum realisieren…

Vor ein paar Tagen hatte ein Bekannter von mir, der als Technical Director für die Zimbabwe International Football Association (ZIFA) arbeitet, mir angeboten, mich zum Fußballspiel der Nationalmannschaft Zimbabwe gegen die Nationalmannschaft Cape Verde (Kapverdische Inseln) am 10. Oktober mitzunehmen. Ich fand die Vorstellung, Fußball in einem anderen Land zu erleben, ziemlich spannend und freute mich sehr auf diesen Tag.

Um zehn Uhr morgens holte Nelson mich mit seinem luxuriösen, weißen Mercedes ab. Alleine das Auto ließ schon darauf schließen, dass er einiges an Einfluss hat. Nelson selbst hatte sich für den heutigen Tag schick gemacht, er trug einen grauen Nadelstreifenanzug, in dem er sehr geschäftig aussah. Gemeinsam fuhren wir zum National Sports Stadium.

Von den Chinesen finanziert, öffnete das National Sports Stadium 1987 seine Türen. Es ist das größte Stadion in ganz Zimbabwe, bis zu 60 000 Menschen finden auf der riesigen Tribüne Platz. Die Preise für die Karten liegen zwischen 5 USD für die ärmeren Leute der Bevölkerung und 50 für die VIP-Tribüne. Wenn man sich überlegt, in welcher Preisklasse sich die Karten in deutschen Fußballstadien bewegen, scheinen 5 USD zunächst einmal ein echtes Schnäppchen zu sein. Dass in einem Land, in dem Fußball das Größte ist, den Menschen die Möglichkeit geboten wird, für 5 USD ein Fußballspiel der Nationalmannschaft anzuschauen, scheint ebenfalls äußerst zuvorkommend zu sein. Doch schnell wurde mir klar, welchen Preis die Menschen, die sich keine anderen Karten leisten können, wirklich für 90 Minuten Fußballvergnügen zahlen müssen. Denn während die VIP-Tribüne den ganzen Tag im Schatten liegt, müssen die Menschen „auf den billigen Plätzen“ die ganze Zeit über in der prallen Sonne sitzen. Kein Dach, keine Vorsprünge, unter denen sie ein wenig Schutz vor der erbarmungslos vom Himmel brennenden Hitze finden könnten. Für diese Menschen musste das Fußballspiel einem Ausflug in die Sauna gleichgekommen sein.

Als wir im Stadion ankamen, grüßte Nelson nach allen Seiten, er schien einfach jeden zu kennen. Er stellte mich den Leuten vom Security-Team vor und brachte mich schließlich zur VIP-Tribüne. Er bat mich, dort auf ihn zu warten, er selbst müsse noch einmal zurück ins Hotel, um letzte Dinge mit der Nationalmannschaft zu besprechen. Ich kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

Ich setzte mich auf einen der grauen, etwas klapprigen Stühle, staunte über das riesige Gebäude, immerhin sah ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Fußballstadium von innen. Um die Gäste auf das vorstehende Spiel einzustimmen, kickten bereits einige Nachwuchsteams auf dem Rasen, Musik schallte laut aus den Boxen. Der Rasen war von der Sonne völlig verbrannt, die weißen Spielfeldmarkierungen waren kaum zu erkennen. Ich verfolgte das Spiel und staunte über das Talent der jungen Sportler. Die Jungen waren vielleicht zwischen 12 und 15 Jahren alt, doch spielten sie mit einer solchen Leidenschaft, zeigten einen solchen Einsatz, dass sie damit manche andere erfolgreiche Fußballmannschaft in den Schatten gestellt hätten.

Als schließlich die Nationalmannschaften gegeneinander antraten, war ich ein wenig enttäuscht. Mehrmals verpassten die einheimischen Spieler einige wirklich gute Torchancen. Die Menschen auf der Tribüne wurden immer unruhiger, sie ärgerten sich, die Stimmung im Stadion war auf einem Tiefpunkt angekommen. Ich hatte erwartet, dass die Menschen in Afrika bei einem Fußballspiel vor Euphorie halbwegs ausrasten würden, doch ging es hier eher ruhig zu. Das Einzige, was konstant durch das Stadion hallte, war die Musik der Blaskapelle, die unermüdlich die gleiche Melodie wiederholte. Einige Menschen ließen sich von der Leistung der Mannschaft, für die sie gekommen waren, nicht entmutigen, sie tanzten zu der Musik, zogen ihre T-Shirts aus, wedelten damit über ihren Köpfen, um die Spieler anzufeuern.

Erst in der zweiten Halbzeit, es stand immer noch 0:0, kamen die Spieler ein wenig in Fahrt, und mit ihnen das Publikum. Die Menschen feuerten lautstark die Mannschaften an, pfiffen, grölten, das laute Tuten der Vuvuzelas betäubte meine Ohren. Doch es half alles nichts: Nach mehreren Minuten Verlängerung trennten sich die beiden Mannschaften 0:0.

Mit dem Ende des Fußballspiels begann für mich der eigentlich interessante Teil des heutigen Tages. Nelson, der die ganze Zeit neben den „very very important people“ – wie er es nannte, gesessen hatte, winkte mich zu sich. Er fasste mich am Arm und zog mich mit sich hinunter zum Spielfeld, schleuste mich an den Sicherheitsleuten vorbei, rauf aufs Spielfeld. Da stand ich nun also mitten unter den Nationalspielern, ich konnte es kaum glauben. Fasziniert sah ich mich um. Die Tribüne war noch gut besetzt, einige Fans hingen über der Balustrade und versuchten, an die Spieler heranzukommen, um ein Autogramm oder wenigstens einen flüchtigen Blick auf ihre Idole zu ergattern.

Zusammen mit den Spielern gingen Nelson und ich auf den Ausgang zu. Finster dreinschauende Polizisten mit Helmen und Schlagstöcken musterten mich misstrauisch. Ich fühlte mich beobachtet, irgendwie fehl am Platz, doch ich trottete einfach immer weiter Nelson hinterher, direkt auf die Mannschaftskabinen zu. Kurz bevor wir in der Halle verschwanden, schaute ich nach oben. Dort standen die Fans, sie grölten um die Wette, versuchten die Aufmerksamkeit der Spieler zu wecken. Als sie mich sahen, lachten sie, zeigten mit den Daumen nach oben. Ich versuchte mir die Bedeutung der Situation zu vergegenwärtigen, in der ich mich gerade befand. Ich stellte mir vor, wie es wäre, mit der deutschen National 11 gemeinsam über den Platz zu laufen und in der Halle zu verschwinden, ich konnte es immer noch nicht fassen.

Ein paar Minuten später saß ich auf der Rückbank von Nelsons weißem Mercedes, das Management der Nationalmannschaft von Cape Verde neben mir. Ich fühlte mich merkwürdig zwischen so viel Prominenz, rutschte auf dem Sitz hin und her, versuchte, der Vize-Direktorin und dem Manager rechts und links von mir so viel Platz wie möglich zu machen.

„Jetzt kommen wir zum besten Teil der Veranstaltung“, hatte Nelson zuvor angekündigt, als wir zu seinem Wagen gingen. Ich hatte keine Ahnung, was er damit meinte. Das änderte sich nun, als ich mit all den wichtigen Persönlichkeiten im Wagen saß. Wir würden die Mannschaften via Polizeieskorte zum Hotel begleiten! „Eine Eskorte wie für den Präsidenten“, sagte Nelson und grinste mich an.

Die ersten Autos vor uns setzten sich in Bewegung, mir fielen sofort die weißen Nummernschilder auf, die die Insassen des Wagens als Diplomaten auswiesen. Die Polizei fuhr vorweg, weitere Polizeiwagen schlossen sich der Autokolonne an, direkt hinter uns fuhren die Mannschaftsbusse. An den Straßenrändern standen hunderte Fans, sie jubelten, schwenkten die Flagge von Zimbabwe durch die Luft. Neugierig schauten sie in die vorbeifahrenden Autos. Als sie mich sahen, jubelten sie, wieder lächelten sie mir zu, streckten die Daumen in die Luft. Ich bekam eine vage Vorstellung davon, wie Stars sich fühlen müssen. Nur zu gerne hätte ich ein Foto gemacht, doch ich traute mich nicht. Auf der Seite des Auswärtigen Amtes hatte ich gelesen, dass man sich von Regierungsvertretern, Militär und Polizei fern halten sollte, an Fotos war da nicht zu denken.

Zwei Polizeiwagen rasten mit hoher Geschwindigkeit, Blaulicht und Sirene an uns vorbei, sicherten eine Kreuzung ab. Mit unverminderter Geschwindigkeit fuhren wir auf die Kreuzung zu, die Ampel zeigte rot, doch die Kolonne fuhr ungehindert weiter, überquerte die Kreuzung, alle anderen Autofahrer mussten warten. So verlief die ganze Fahrt, quer durch die Innenstadt, bis wir vor dem Hotel der Nationalmannschaft von Cape Verde ankamen.

Nelson hatte angekündigt, dass er das Management der Mannschaft im Hotel absetzen und mich dann nach Hause fahren würde, doch daraus wurde vorerst nichts. Der Torwart hatte sich während des Spiels eine üble Verletzung zugezogen, als ihm ein Spieler der gegnerischen Mannschaft mit voller Wucht in die Magenkuhle getreten hatte. Der junge Mann stand vor dem Hotel, das Trikot hochgezogen. Er presste eine Hand auf die rechte Seite, sein Gesicht war schmerzverzerrt. Nelson handelte sofort, er nahm den Spieler vorsichtig am Arm und führte ihn zu seinem Wagen, um ihn ins Krankenhaus zu bringen. Mich ließ er mit dem Management und den restlichen Spielern im Hotel zurück.

Ein wenig überrumpelt stand ich auf dem Vorplatz des Hotels, wusste nicht so recht, an wen oder wohin ich mich wenden sollte. Die Spieler saßen noch im Tourbus, sie klopften an die Scheiben, grinsten, winkten mir zu. Was war mir die Situation peinlich! Ich merkte, wie mir das Blut in den Kopf schoss (ja, ich weiß, nichts Neues *g*) und war froh, als mich die Vize-Direktorin der Mannschaft zu sich winkte. Gemeinsam gingen wir ins Hotel und setzten uns mit dem Coach der Mannschaft an den Empfang. Noch immer kam mir meine Lage denkbar unwirklich vor. Da saß ich nun also mit der Führungsliga einer Nationalmannschaft am Tisch und plauderte über belanglose Dinge. Alle waren sehr nett, weigerten sich, mich in der Hotellobby allein warten zu lassen. Noch einmal versuchte ich mir vorzustellen, wie es wäre, mit Jogi Löw und seinem Team am Tisch zu sitzen, doch ich verschob diesen Gedanken wieder, das alles war immer noch viel zu unwirklich.

Nelson bestand darauf, mich persönlich bei James und seiner Familie an der Tür abliefern. Er wolle seine Pflichten als Babysitter voll erfüllen, sagte er. Als ich James und seine Frau sah, sprudelte es auf einmal aus mir heraus, wie toll der Tag war, wie viel Spaß ich hatte und dass ich „wie der Präsident“ mit einer Polizeieskorte durch die Stadt gefahren war, ich kam aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus. Nelson sah zufrieden auf mich herab, er schien sich zu freuen, dass mir der Tag im Stadion so sehr gefallen hatte. Auch wenn das Fußballspiel selbst ein wenig unspektakulär war, diesen außergewöhnlichen Tag werde ich mit Sicherheit so schnell nicht vergessen! 🙂