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Okt
11

Warten

Das Erste, was man in Afrika lernt, ist, deutsche Prinzipien wie Pünktlichkeit oder Zuverlässigkeit über Bord zu werfen. „Life is slow“, hatte James in einem unserer Gespräche gesagt. Ich sollte bald merken, wie recht er damit hatte.

Einen Großteil seiner Zeit verbringt man in Afrika mit Warten. So ging es auch mir, als ich meinen Wagen zu Viola brachte, damit sie die nötigen Reparaturen daran vornehmen konnte. Es war noch früh am Morgen, ich hatte den Weg zur Werkstatt gleich gefunden, freute mich über diesen kleinen Erfolg.

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, so lange zu warten, bis die Reparaturen am Auto abgeschlossen waren. Doch Viola meinte, es könnte ein wenig dauern. Immerhin gab es ja einiges zu tun: Ich brauchte neue Scheibenwischer, neue Gurte, die Hupe und die Blinker mussten repariert werden. Also bot Viola mir an, mich nach Hause fahren zu lassen. Einer ihrer Angestellten würde mir das Auto dann direkt nach Hause bringen. Ich fand das Angebot ausgesprochen nett, war sofort einverstanden. „Until lunch you`ll have it back“, sagte Viola. Ich schaute auf die Uhr, noch drei Stunden. Damit konnte ich leben.

Nach sechs Stunden hatte ich allerdings immer noch nichts von Viola gehört, kein Anruf, keine SMS, und vor allem: kein Auto. Ich beschloss, noch ein wenig zu warten, ich wusste, dass Viola bis 17 Uhr im Büro sein würde. Als ich bis kurz vor Feierabend immer noch nichts von ihr gehört hatte, rief ich sie an. Das Auto sei fertig, versicherte sie mir, es sei bereits jemand auf dem Weg zu mir. Und tatsächlich: Zwanzig Minuten später klingelte es am Tor. Ein junger Mann kam mit dem Wagen auf den Hof gefahren, ich freute mich sehr, offenbar konnte man sich doch auf Viola verlassen. Ich lief einmal um das Auto herum, Viola hatte gesagt, dass ich ihren Angestellten wieder zur Werkstatt zurück fahren sollte.

Als ich ins Auto stieg, traute ich meinen Augen kaum. Die Hupe funktionierte immer noch nicht, auch die Scheibenfischer fehlten nach wie vor. Lediglich der Gurt auf der Fahrerseite war angebracht worden. Das sollte alles sein? Dafür hatte man den ganzen Tag gebraucht? Ich konnte es nicht fassen.

Enttäuscht stellte ich Viola zur Rede, doch eine Erklärung gab es nicht. Ich solle doch einfach am nächsten Tag wieder kommen, sagte sie, das war alles. Wütend setzte ich mich wieder hinters Steuer und fuhr nach Hause.