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Okt
11

Allein im Dunkeln

28.09.2010

Als der Stromausfall die Straße in absolute Dunkelheit tauchte, war ich alleine im Haus. Von einer Sekunde auf die andere war es stockdunkel im Haus, alle Lampen, der Fernseher, der Kühlschrank, alles war ohne Strom. Kein Problem, dachte ich, schließlich gab es ja eine Solaranlage auf dem Dach, die in solchen Fällen automatisch anspringen und das Haus mit Strom versorgen sollte. Ich wartete, eine Minute, zwei Minuten, drei Minuten, nichts passierte. Ich versuchte, mich im Dunkeln zurechtzufinden, konnte jedoch kaum etwas sehen. Als es an der Tür klopfte, zuckte ich zusammen.

Draußen standen James und seine kleine Tochter, nervös schaute er mich an. „Wir haben einen Stromausfall“, sagte er. „Die ganze Gegend hat keinen Strom mehr.“ Er fragte mich, ob ich die Solaranlage anmachen könnte. Das hätte ich gerne getan, doch ich hatte keine Ahnung wie, auf diese Situation war ich nicht vorbereitet. Thomas hatte mir im Vorfeld von der Solaranlage vorgeschwärmt, selbst wenn die ganze Straße ohne Strom wäre, in diesem Haus würde mit Sicherheit Licht brennen, sagte er.

Doch die Solaranlage sprang nicht an. Ich nahm zwei Taschenlampen, gab eine davon James, dann öffneten wir den Schrank, in dem der Stromverteiler untergebracht war. An der Wand hing ein weißer Kasten, der offenbar zu der Solaranlage gehörte. Ratlos starrten James und ich auf den Kasten, zwei kleine, rote Lämpchen leuchteten im Dunkeln. James wusste genauso wenig wie ich, was zu tun war, es war der erste Stromausfall, den er in diesem Haus erlebte. In dem Haus, wo er zuvor gearbeitet hatte, gab es solche Probleme nicht. Das Haus lag direkt neben einem Krankenhaus, Stromausfälle gab es dort nie, sagte er.

Wir drückten verschiedene Knöpfe, suchten nach einer Lösung, doch egal welchen Knopf wir auch drückten, das Licht blieb aus. Ich rief Thomas auf seinem Handy an, doch auch er konnte uns nicht weiterhelfen. Für gewöhnlich springe die Anlage ganz von allein an, sagte er. Offenbar gab es ein technisches Problem mit der Solaranlage.

James und ich überlegten, was wir tun sollten. Die Situation war frustrierend. Auf den Nachbargrundstücken sprangen die Generatoren an, laut röhrten die Motoren in der Dunkelheit, ein Haus nach dem anderen hatte wieder Licht. Alle sind vorbereitet, nur wir stehen hier im Dunkeln, sagte James. Tatsächlich war unser Haus eines der wenigen, was noch ohne Strom war.

Wir versuchten erneut verschiedene Knöpfe und Schalter zu betätigen, ohne Erfolg. Bald war klar, dass wir die Anlage alleine nicht zum Laufen bekommen würden, wir brauchten Hilfe. Also machte sich James auf den Weg zu den Nachbargrundstücken, klingelte an jeder Tür. Die Vorstellung, wie James mit seiner kleinen Taschenlampe im Dunkeln von Haustür zu Haustür zog und die Leute um Rat bat, hatte etwas Absurdes. Nach einer guten halben Stunde kam er mit einem unserer Nachbarn zurück. Der Mann habe selber eine Solaranlage auf dem Dach, außerdem sei er Elektriker, stellte James ihn vor. Das Problem schien gelöst, nun würden auch wir bald wieder Strom haben, dachte ich.

James führte den Mann zu dem Verteilerkasten. Der Mann warf einen scheinbar fachmännischen Blick auf alle Geräte, dann griff er nach zwei losen Drähten, die aus einer großen Batterie herausragten, und begann unkoordiniert mit den Drähten herumzufummeln. Ich hatte kein gutes Gefühl, als ich sah, wie er sich an den Drähten zu schaffen machte. Vorsichtig trat ich einen Schritt näher, wobei mir der starke Seifengeruch des Mannes in die Nase stieg. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war klar, dass er genauso wenig Ahnung hatte wie wir. Auch er drückte noch einmal alle Knöpfe, doch nichts geschah. Er hätte jetzt zugeben können, dass er nicht wusste, wo das Problem lag, doch dies ließ sein Stolz nicht zu.

Er drückte hier und da, fummelte an Kabeln, zog Stecker heraus, probierte so ziemlich alles. Schließlich kam er zu einer Diagnose: Offenbar sei die Batterie zu schwach, um die Solaranlage mit der nötigen Energie zu versorgen. Aha. Er diskutierte noch eine Weile mit James in einer afrikanischen Sprache, ich verstand kein Wort.

Für gewöhnlich hätte man in spätestens vier Stunden wieder Strom, sagte er an mich gerichtet. Aber wir sollten uns besser darauf einstellen, dass es in den nächsten Tagen wieder zu einem Stromausfall kommen könnte. Das waren wirklich tolle Aussichten.

Am nächsten Tag fuhr ich zum Supermarkt und kaufte Kerzen. Beim nächsten Mal wollte auch ich vorbereitet sein. 🙂